Die Hochleistungskabel von Gore müssen perfekt sein, um auch im Weltall zu funktionieren. Spezialkunststoffe schützen sie vor Strahlung, Vibration, Hitze und Kälte. © Thorsten Jochim/Gore
Pleinfeld – Die Funktionsjacken von Goretex sind ikonisch. Doch die Firma dahinter macht heute weit mehr als wasserdichte Kleidung. Ihr unverwüstlicher Kunststoff steckt auch in Stents, Flugzeugen und dem Hubble-Teleskop im Weltall. Und obwohl der Mutterkonzern Gore aus den USA kommt, ist Bayern ein wichtiger Standort.
„Bill Gore war ein begeisterter Wanderer. Und weil ein Mitarbeiter ihm erzählt hat, wie schön es in den bayerischen Alpen ist, hat er schon den 60er-Jahren den Standort in Ottobrunn und später in Putzbrunn gegründet“ erzählt Michael Hullik, Europa-Chef von Gore. „Aber natürlich war auch damals schon die internationale Anbindung und der Kontakt zu den großen Universitäten sehr attraktiv.“
Die Firma Gore wurde 1958 von Bill und Vieve Gore gegründet. Bill war beim Chemiekonzern Dupont beschäftigt, forschte dort am neuen Kunststoff Polytetrafluorethylen (PTFE). Heute vertreibt Dupont PTFE-Beschichtungen für Pfannen unter dem Namen Teflon. Zuerst glaubte man bei Dupont aber nicht an PTFE. Bill Gore schon, und deshalb hat er sich selbstständig gemacht. Denn PTFE ist ein Material, das extreme Temperaturen, Vibration und Strahlung verkraften kann. Außerdem ist es fett- und wasserabweisend. Letztere Eigenschaft hat Goretex-Jacken aus PTFE-Membran so erfolgreich gemacht.
Hochleistungskunststoffe wie PTFE machen das Leben angenehmer und sicherer: „Wir produzieren zum Beispiel Entlüfter für Smartphones, elektrische Zahnbürsten und Autos“, erklärt Michael Hullik. Die gleichen unter anderem Druckschwankungen durch Temperaturunterschiede aus. Gleichzeitig halten sie Schmutz und Flüssigkeit fern. Er schätzt, dass in jedem Auto auf der Welt acht Entlüfter von Gore verbaut sind, etwa um die Scheinwerfer am Beschlagen zu hindern. Die Anwendungen sind enorm vielfältig: „Es gibt Gitarrensaiten mit Beschichtung. Das verhindert, dass Fett und Feuchtigkeit an die Saiten kommen und den Klang verändern.“ Aus Putzbrunn wird der europäische Markt beliefert. Aber auch Sicherheit ist ein Thema: „Wir produzieren in Putzbrunn auch Sicherheitskleidung für Feuerwehr und Polizei“, sagt Michael Hullik. Und auch Luftfilteranlagen für die Schornsteine von Zementwerken stammen von Gore.
Während viele Firmen derzeit lieber im Ausland investieren, geht Gore den gegenteiligen Weg: „2010 war Gore auf der Suche nach einem geeigneten Standort für eine kleine Produktionsanlage für Spezialfluorpolymere.“ Die Wahl fiel auf den Chemiepark in Gendorf bei Burgkirchen. „Hier produzieren wir Rohmaterial ausschließlich für Industrie- und Medizinprodukte für den Eigenbedarf, zum Beispiel für Gefäßprothesen, die auf dem weltweiten Markt nicht erhältlich sind. Wir können das Material aufs Molekül genau konfigurieren.“ Rund 45 Millionen dieser Geräte sind derzeit in menschlichen Arterien verbaut, um Infarkte zu verhindern.
Wirtschaftlich ist Gores andauerndes Bekenntnis zum Standort eine Erleichterung für die Region: Vor zwei Jahren hatte der amerikanische 3M-Konzern beschlossen, ein Werk in Gendorf zu schließen. Der Grund: 3M fürchtete Klagen gegen die dort produzierten PFAS und will global aus dem Geschäft aussteigen. Zu dieser sehr großen Stoffgruppe – auch Ewigkeitschemikalien genannt – gehört auch das PTFE von Gore. Ein Problem: Für die Produktion einiger PFAS werden giftige Hilfsstoffe wie PFOA oder GenX eingesetzt, berichten die Verbraucherzentralen. Und diese sind in der Vergangenheit bei einigen Herstellern auch ins Grundwasser gelangt. Auf EU-Ebene wird deshalb ein Verbot erwogen, mindestens für einzelne Stoffe. Für manche gibt es das schon. In der Produktion von Gore in Gendorf kommen diese giftigen Stoffe laut Gore aber nicht vor. Das PTFE baue sich nur nicht biologisch ab. Michael Hullik verspricht, dass bei der Produktion nichts davon in die Umwelt gelangt. Die Anlagen würden unabhängig überprüft.
Seit 2010 hat das Bild des Wirtschaftsstandorts Deutschland stark gelitten. Ob Hullik das Werk heute trotzdem wieder in Deutschland aufbauen würde? „Ja.“ Denn: „Wir wissen, dass viele unserer Kunden in Europa unsere Premium-Produkte und unsere Materialexpertise schätzen und bereit sind, die entsprechenden Preise zu bezahlen.“ Denn eine lokale Produktion schützt vor Schwierigkeiten in der Lieferkette. Und sie erlaubt Innovation mit den Kunden: „Die Produkte, die wir für Airbus-Satelliten bauen, kommen nicht von der Stange. Die können nur entstehen, wenn man viele Jahre eng und vor Ort mit den Kunden zusammenarbeitet.“