Hightech-Seilerei für die Raumfahrt

von Redaktion

In Pleinfeld werden Hochleistungskabel für die Raumfahrt gedreht. © Thorsten Jochim/Gore

Pleinfeld – Kabel transportieren Strom und Daten. In einigen Bereichen sind die Anforderungen so hoch, dass die klassische Kombination aus Kupfer und Gummi nicht mehr reicht. Mitten im fränkischen Seenland unterhält der Material-Spezialist Gore deshalb eine florierende Manufaktur. Wir haben sie besucht.

„Wir sind immer da, wo andere Materialien versagen würden“, erklärt Nicole Kaika, Chef-Ingenieurin bei Gore in Pleinfeld. „In der Luft- und Raumfahrt zählt jedes Kilo. Gleichzeitig werden Satelliten gerade immer komplexer und tragen mehr Instrumente und Sensoren. Damit die Traglast nicht zu hoch wird, müssen wir Kabel bauen, die mehr Daten und Strom übertragen können, aber bestenfalls nicht schwerer werden und die man trotzdem flexibel verbauen kann.“ Dazu kommen die enormen Schubkräfte, Vibration und Höhenstrahlung. Nicole Kaika präsentiert ein Glasfaserkabel von der Dicke einer Bleistiftmine: „Sie könnten hier mit einem Hammer draufhauen und würden dabei nichts in der Datenübertragung merken.“

Der Betrieb funktioniert im Grunde wie eine Hightech-Seilerei. Die Trägermaterialien, oft Kupfer oder Glasfaser, werden mit verschiedenen Lagen aus Isolationsmaterial gewickelt. Das ist eine Wissenschaft für sich, jedes Kabel einzigartig: „Wir müssen die einzelnen Stränge zum Teil gegen Wechselwirkungen mit anderen Leitern und der Umgebung abschirmen“, erklärt Nicole Kaika. „Manche Kabel sind so dünn wie ein menschliches Haar, werden aber trotzdem perfekt gegen die Umgebung abgeschirmt“, so die Ingenieurin. Andere Kabelstränge sind armdick und bestehen aus unzählbar vielen Leitern und Isolatoren.

Gore hält laut Nicole Kaika die meisten Patente auf Raumfahrt-Kabel, die nach Standards der Raumfahrt-Agentur ESA zertifiziert sind. „Die Hersteller können unsere Produkte kaufen und müssen sie nicht mehr selbst überwachen, da dies die ESA schon tut“, so Kaika. Auch viele amerikanische Unternehmen schätzen die Kabel aus Europa. Die wohl prominenteste Anwendung: Das Hubble-Weltraum-Teleskop. Aber nicht nur die Raumfahrt braucht Spitzenkabel, auch die Halbleiterindustrie benötigt für die Herstellung immer feiner geschnittene Computerchips immer feinere Maschinen: „Wir prüfen in unseren Reinräumen Kabel für die neuesten Lithographie-Maschinen“, so Kaika. „Da darf es nicht mal Verschmutzungen auf Molekülebene geben, sonst wären die Erträge bei der Mikrochipherstellung deutlich reduziert.“ Die Fertigung in Pleinfeld ist mehr Manufaktur als Fabrik: „Die meisten Produkte sind Auftragsarbeiten. Eine Vielzahl an Maschinen dafür haben wir selbst entworfen, weil es sie am Markt nicht gibt.“MAS

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