PV-Anlagen sind schnell installiert und liefern günstigen Strom. Die schlechte Steuerung wird aber zum Problem. © Frank Hammerschmidt/dpa
München – Solarenergie in Deutschland ist eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Durch verschiedene Beschleunigungsgesetze von Ex-Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) wurden allein im vergangenen Jahr 16,2 Gigawatt GW Spitzenleistung installiert. Großteils profitieren Privathaushalte vom günstigen Strom. Insgesamt verfügt Deutschland heute über rund 94 (GW) Solar-Leistung. Die Einspeisevergütung für Freiflächenanlagen lag im ersten Quartal 2025 bei 4,7 Cent pro Kilowattstunde, deutlich unter den Börsenstrompreisen von derzeit rund acht Cent.
Das Problem
Das hat lange gut funktioniert: Schien die Sonne, hat der günstige Solarstrom teurere fossile Kraftwerke aus dem Markt gedrängt. Durch den Solar-Zubau gibt es aber immer öfter nicht genug steuerbare Anlagen, die man abschalten könnte. Im Stromnetz müssen Angebot und Nachfrage aber immer ausgeglichen sein, sonst – vereinfacht – gibt es einen Stromausfall. Und weil der Solarausbau deutlich schneller vorangeht, als die Elektrifizierung von Mobilität und Gebäudewärme, stehen den schwer steuerbaren Kraftwerken nur rund 80 GW Spitzennachfrage gegenüber. Mindestens werden immer rund 40 GW verbraucht.
Laut Lion Hirth vom Beratungshaus Neon sind bereits heute 20 Prozent des erzeugten Solarstroms zu viel für das System. Denn mangels digitaler Schnittstelle können Netzbetreiber kleine PV-Anlagen nicht abschalten. Ein Grund, dass das Netz nicht zusammenbricht, sind negative Strompreise. Wenn sich an der Strombörse kein Käufer für das Angebot findet, bezahlt der Erzeuger eine Strafe an den Abnehmer. Die kann laut Hirth bis zu 9,99 Euro pro Kilowattstunde betragen. Damit wurde bisher immer ein Verbraucher gefunden – und sei es im Ausland.
Das Problem: Die Verursacher bezahlen oft gar nicht. Lion Hirth schätzt, dass mindestens 60 GW der deutschen Solarleistung (Stand Juli 2024) kleine Anlagen auf Privathäusern sind. Die bekommen eine fixe Einspeisevergütung pro Kilowattstunde (kWh) aus dem Bundeshaushalt. Ein Extrembeispiel: Selbst wenn rund zehn Euro Strafe pro kWh fällig würden, bekämen Eigentümer weiter neun Cent Einspeisevergütung. Es fehlt ein Anreiz zum systemdienlichen Verhalten. Hirth warnt: Bereits zu Ostern hätte es einen nicht beherrschbaren Solar-Überschuss geben können.
Das wäre durch Marktsignale vermeidbar. Laut Lion Hirth bekommen rund 30 Prozent der neuen PV-Anlagen entweder keine Förderung oder eine Marktprämie, die sich an den tatsächlichen Börsenpreisen orientiert. Das sind meist große Freiflächenanlagen. „Diese Anlagen haben einen Anreiz, bei negativen Preisen abzuschalten“, so der Ökonom. Einiges ist schon passiert: Grüne und SPD hatten – in seltener Einigkeit mit dem Freistaat und der CDU – im Frühjahr ein Gesetz beschlossen, durch das zumindest neue PV-Anlagen bei Stromüberschüssen keine Vergütung bekommen. Und Anlagen ab einer Größe von sieben kW müssen vom Netzbetreiber steuerbar sein.
Lösungsansätze
Technisch stehen den PV-Anlagen rund 14 GW Batteriespeicherleistung gegenüber, zehn davon in Privathaushalten. Doch die sollen den Eigenverbrauch optimieren, laden also bereits vormittags. Laut Hirth können sie zur Solarspitze am frühen Nachmittag oft nichts mehr aufnehmen. Dabei wäre es einfach, die Speicher erst später laden zu lassen. Und inzwischen wird fast jede PV-Anlage mit Batterie verkauft, rund zwei GW Speicherleistung pro Jahr. Für ein netzdienliches Verhalten bräuchten die Besitzer aber finanzielle Anreize.
Eine weitere Lösung sind Batterie-Großspeicher. Die reagieren auf den Bedarf im Netz, um die größten Gewinne mitzunehmen – sogenannter Arbitrage-Handel. Das lohnt sich erst seit Kurzem: Nur zwei GW sind bislang im Netz. Aber: „Wir erwarten, dass bis 2030 jedes Jahr zwei bis drei GW dieser Speicher gebaut werden“, erklärt Urban Windele vom Bundesverband Energiespeicher Systeme. „Bis 2045 sollten es laut der Bundesnetzagentur zwischen 67 GW und 90 GW sein.“
Dass der Speicherausbau nicht mit dem PV-Ausbau Schritt halten konnte, hat laut Windele noch einen Grund: „Stromspeicher gelten im Netz weiterhin als Verbraucher. Deshalb werden sie nachrangig angeschlossen. Für PV-Anlagen gibt es dagegen eine vorrangige Anschlusspflicht.“
Dabei könnten Speicher das Netz sogar entlasten. Trotz des starken Wachstums glaubt Windele nicht, dass die Mehrheit der Speicher im Netz entsteht: „Es wird größere Speicherkapazitäten direkt bei den Stromerzeugern geben und auch auf Seiten des Verbrauchers.“