Carsten Markgraf ist Professor an der Technischen Hochschule Augsburg mit Schwerpunkt Elektrotechnik.
Autonom fahrende Autos von Waymo, einem Schwesterkonzern von Google, sind in Kalifornien bereits auf der Straße. © Andrej Sokolow/dpa
Charlotte – Dass selbstfahrende Autos die Zukunft sind, bestreiten heute wohl nur noch wenige. Doch wann kann autonomes Fahren wirklich Alltag sein? Und wie sieht das dann aus? Unsere Zeitung hat mit Professor Carsten Markgraf von der Technischen Hochschule Augsburg gesprochen. Gerade ist er mit einer Delegation von Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger im Südosten der USA unterwegs, um sich unter anderem eine Teststrecke und eine Forschungseinrichtung zur Batterietechnologie für autonome Fahrzeuge anzusehen.
Herr Markgraf, Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten intensiv mit dem Thema autonomes Fahren – wo stehen wir heute?
Seit dem Jahr 2021 ist die Gesetzesgrundlage in Deutschland so, dass alles bis Level 4 grundsätzlich möglich ist. Level 4 – das heißt, dass der Mensch zum Passagier wird und die Verantwortung vollständig beim Fahrzeug liegt. Es gibt aber bei uns noch kein solches System im Einsatz, da geht es bisher nur bis Level 3, was bedeutet: In begrenzten Gebieten und bei schönem Wetter kann bis zu einer Geschwindigkeit von 60 km/h die Verantwortung zeitweise an das Fahrzeug abgegeben werden, den Fahrersitz darf man aber nicht verlassen. Das bieten die Autobauer Mercedes und BMW ja schon an.
Ihre Forschungsprojekte stoßen aber schon in Level 4 vor.
Genau. Unser Fokus liegt auf autonomen Shuttle – ein Bereich, den die Automobilhersteller eher nicht beachten. Die Idee ist, dass man über eine App definiert, was man braucht – also zum Beispiel zwei Personen und ein Koffer müssen in Dorf XY. Und dann steht pünktlich und in der richtigen Größe ein autonomes Shuttle vor der Tür, das mich entweder direkt zum Ziel bringt oder an den öffentlichen Nahverkehr anbindet.
Wie funktioniert das ohne einen Menschen am Lenkrad?
Im Prinzip orientieren wir uns an einem menschlichen Fahrer und bilden ihn nach. Seine Augen ersetzen wir durch Sensoren, sein Gehirn durch einen Rechner und seine Muskulatur durch viele kleine Motoren.
Wie lange wird es dauern, bis solche Shuttle Alltagsrealität sind?
Weltweit betrachtet sind sie das schon. Gerade in den USA und China ist man schon einen Schritt weiter als bei uns. Dort gibt es bereits Anbieter, die solche Systeme im Stadtverkehr im Einsatz haben. Die aus Google heraus entstandene US-Firma Waymo führt das jetzt als Nächstes in Atlanta ein. Das heißt: Man kann sich dann dort ein solches Shuttle bestellen und mit Kreditkarte bezahlen – in China gibt es das auch schon.
Wann werden wir das auch bei uns flächendeckend sehen?
Flächendeckend wohl erst mal gar nicht. Ich denke, es wird in den kommenden Jahrzehnten immer eine Mischung bleiben. Was sich aber sagen lässt, ist dass wir schon in den kommenden fünf bis sieben Jahren deutlich mehr dieser Fahrzeuge auf den Straßen sehen werden.
Umso wichtiger autonomes Fahren wird, umso drängender werden auch ethische Fragen.
Das stimmt. Das bekannteste Beispiel ist das Szenario vom Auto, das hinter einem Lkw fährt, von dem ein Stein fällt. Auf der rechten Nebenspur fährt eine Familie im Auto, links ein Motorrad. Was soll das autonome Fahrzeug nun tun? Nach rechts ausweichen, und die Familie gefährden, weil der Motorradfahrer am schlimmsten verletzt würde? Gar nicht ausweichen, und somit womöglich dem eigenen Eigentümer schaden? Das sind letztlich Fragen für einen Ethikrat, die wahrscheinlich jede Gesellschaft für sich anders beantworten wird. Klar ist aber, dass das autonome Fahren am Ende weniger Tote und Verletzte kosten wird, als es menschliche Fahrer tun. Denn die Hauptunfallursachen sind heute Ablenkung, Müdigkeit und Trunkenheit Die Frage ist allerdings: Akzeptiert die Gesellschaft, dass auch das System Unfälle verursachen wird, so wie sie das beim Menschen tut?