Lokomotiven „Made in München“

von Redaktion

Feier zu Werkserweiterung in München-Allach (v. li. n. r.): Mobility-Projektmanagerin Kristina Sittig, Mobility-Geschäftsführer Karl Blaim, Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, Siemens-Chef Roland Busch, Mobility-Managerin Katharina Rohrbacher, Mobility-CEO Michael Peter, Kerstin Straubinger von Mobility. © Siemens

Endmontage von Vectron-Loks im Siemens-Werk München-Allach. © Achim Frank Schmidt (Archiv)

München – Seit dem Jahr 2010 fertigt die Siemens-Zugsparte Mobility in München-Allach eine Lokomotive, die sich in Europa so gut verkauft wie sonst kein anderes Modell: Die Vectron. 9000 PS hat die Lok, vor allem Betreiber von Güterzügen setzen auf das Modell. Auch im Personenverkehr kommt die Vectron zum Einsatz, zuletzt hatte etwa Flixtrain 65 solcher Lokomotiven bestellt. Die Deutschen Bahn oder die österreichische ÖBB sind neben einer ganzen Reihe von Bahnbetreibern ebenfalls Kunde bei Siemens Mobility.

Vorteil der Vectron: Im komplexen europäischen Schienennetz, in dem fast jedes Land über ein eigenes Stromsystem verfügt – mal fließt Wechselstrom durch die Oberleitung, mal Gleichstrom, mal unterscheidet sich die Stromspannung –, können die Loks problemlos über die Grenze rollen. Will ein Bahnbetreiber etwa von Deutschland über Österreich und den Brenner nach Italien fahren, wird die Lok mit der dafür nötigen Elektrotechnik ausgestattet. Stromabnehmer, Transformator, gewünschte Motorleistung – in die Lok wird genau das gepackt, was der Kunde benötigt. Fährt der Zug an die Grenze wird der eine Stromabnehmer eingeklappt, der Stromabnehmer für das neue Land wird ausgeklappt – und fehlt die Oberleitung auf einer Teilstrecke komplett, lässt sich die Lokomotive zusätzlich mit einem Diesel-Aggregat oder Akku ausstatten. „Der Vectron ist mehr als eine Lokomotive“, sagte Mobility-Geschäftsführer Karl Blaim gestern in München.

Dass Europa eine solche Alleskönner-Lokomotive benötigt, mag einleuchten. Die Folge ist aber auch: Wenn jede Lok auf Kundenwunsch individuell konfiguriert werden kann, ist die Produktion ähnlich komplex. Die Lösung von Siemens: Eine durchdigitalisierte Produktion, getrimmt auf Effizienz. Ein Beispiel: Von jeder Lok gibt es einen digitalen Zwilling, also ein Abbild in der virtuellen Welt. Produktionsschritte werden mit dem Datensatz abgeglichen, jeder Stecker, jedes Kabel, alles ist hinterlegt. Auch Industrieroboter helfen den Arbeitern – etwa beim Sortieren von Kabeln – oder übernehmen Arbeiten komplett, etwa beim Schweißen. Dank „kompromissloser Qualität und Ingenieurskunst“ sei Industrieproduktion an einem Hochlohnstandort wie Deutschland möglich, sagte Mobility-Manager Blaim.

Siemens-Chef Roland Busch sagte, man könne in Allach Lokomotiven fast wie am Fließband fertigen. Dank der effizienten Produktion beweise Allach, dass man auch in einer Stadt produzieren könne, die bei den Gehältern in Deutschland an der Spitze stehe. „Vor einigen Jahren haben wir hier noch eine Lok pro Woche gefertigt, jetzt bauen wir hier zwei pro Tag.“

Genaugenommen sollen schon bald knapp zwei Schienenfahrzeuge pro Tag produziert werden: Siemens hat – wie angekündigt – seine Produktionsfläche in Allach mehr als verdoppelt, neue Hallen wurden und werden nach und nach in die Produktion integriert. Das ist auch deshalb nötig, da seit einigen Monaten neben Vectron-Loks zusätzlich auch Personenwaggons unter dem Namen „Vectrain“ in Allach produziert werden. Bald sollen 385 Vectron-Loks und bis zu 180 Personenwagen jedes Jahr das Werk verlassen. 500 neue Arbeitsplätze hat Siemens nach eigenen Angaben geschaffen, die Zahl der Beschäftigten am Standort steigt auf 2500, insgesamt 250 Millionen Euro hat Siemens investiert. In wenigen Wochen soll auch die Mobility-Zentrale von München-Perlach in ein neues Bürohochhaus nach Allach verlegt werden, die Bauarbeiten sind fast fertig.

Bei der offiziellen Einweihung lobten Politiker gestern die Entscheidung von Siemens, in München zu investieren. „Wir sind froh, dass wir hier in Allach ein ganz ganz neues Werk sehen“, sagte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Bayern Ministerpräsident Markus Söder (CSU) lobte den Digitalkurs von Siemens-Chef Busch, Siemens sei inzwischen ein Software-Haus mit angedockter Hardware.

Nur in einer Sache gibt es im Siemens-Konzern offenbar Differenzen: Ob das Siemens-Erfolgsmodell aus München nun „der Vectron“ oder „die Vectron“ heißt. Eigentlich ist „der Vectron“ die offizielle Schreibweise der Zugsparte Mobility, Konzern-Chef Roland Busch sagte gestern aber, er nenne die Lokomotive liebevoll „die Vectron“. Und Söder? Der amüsierte sich einfach nur über die Gender-Debatte bei Siemens.

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