Superbakterien aus Sendling

von Redaktion

Gesündere Baby-Nahrung, Fleisch aus der Petrischale, hochwirksame Impfstoffe: Wacker Chemie hat ein brandneues Forschungszentrum eröffnet.

Das neue Biotechnologie-Zentrum in Sendling hat eine Photovoltaik-Fassade. © Stefan Berberich/Wacker

In solchen Behältern werden die Bakterien gezüchtet, die die Basis neuer Impfstoffe produzieren. © Stefan Berberich/Wacker

München – Am Standort Zielstattstraße forscht Wacker Chemie bereits seit 100 Jahren an der Zukunft. Jetzt bündelt der Konzern die Forschung seiner Biotechnologie-Sparte in einem modernen Neubau. Neben Biopharmazeutika sollen Zukunftsthemen in der Nahrungsergänzung entwickelt werden – und das noch schneller als bisher.

„Wir sind eines der forschungsstärksten Unternehmen der Welt“, betonte Konzernchef Christian Hartel gestern bei der Eröffnung. Das gilt besonders für die Biotechnologie, und man will noch besser werden: „Es reicht längst nicht mehr, nur die beste Lösung zu haben. Es wird immer wichtiger, auch mit dieser Lösung als Erster beim Kunden zu sein“, so Hartel. Das neue Gebäude soll mit 1500 Quadratmeter Laborfläche den nötigen Platz für Forschung liefern, aber auch für bessere Zusammenarbeit. Insgesamt hat Wacker im Biotech-Bereich 45 Kooperationen mit Wissenschaftlern und Unternehmen. Allein von der Technischen Universität München werden 20 Doktorarbeiten bei Wacker geschrieben. „Wir wollen die Themen erforschen, bei denen wir in fünf bis zehn Jahren großes Wachstum erwarten“, so Hartel gegenüber unserer Zeitung. Wacker hat einen zweistelligen Millionenbetrag in das markant schwarze Gebäude mit Photovoltaik-Fassade investiert. Der Neubau sichere 90 Arbeitsplätze.

„Wir machen keine Forschung im Elfenbeinturm, sondern an den Bedürfnissen der Gesellschaft“, sagt Mathias Wiedemann, seit Januar Chef der Wacker-Biotech-Sparte. Zwei Ergebnisse gehen schon dieses Jahr in den Markt: „Wir haben es geschafft, Human-Oligosacharide herzustellen, die bisher nur in der Muttermilch vorkommen“, erklärt Wiedemann. „Die sind Futter und Schutz für die guten Darmbakterien von Säuglingen.“ Und: Erstmals wird 2025 aus Tierzellen gezüchtetes Fleisch verfügbar sein, für das kein weiteres Tier gehalten und geschlachtet werden musste.

Der Fokus im neuen Gebäude liegt aber auf Biopharmazeutika, die etwa die Basis für nRNA-Impfstoffe sind. „mRNA war der Wendepunkt in der Corona-Pandemie“, so Hartel. Die neuartigen mRNA-Wirkstoffe sind ein Hoffnungsträger, weil sie teils schneller entwickelt werden können als herkömmliche Impfstoffe. Wacker fungiert für die Pharmaindustrie als Hersteller, hilft aber auch aktiv bei der Entwicklung neuer Impfstoffe. Basis vieler Prozesse sind E-Coli-Bakterien, die normalerweise im Darm von Säugetieren auftreten. Sie werden so genverändert, dass sie die gewünschten Proteine erzeugen. Bei den Versuchen helfen unter anderem Roboter, die 90 Pipetten gleichzeitig bedienen können. Erfolgreiche Kulturen werden vom Reagenzglas in immer größeren Behältern herangezüchtet, um ihre optimalen Arbeitsbedingungen zu finden. So müssen etwa die Nährlösung oder die Sauerstoffzufuhr optimal sein – und der Prozess auf die großen Wacker-Fabriken weltweit übertragbar. Auch diese Abstimmung ist die Aufgabe der Forscher in Sendling.

Wacker ist tief in der pharmazeutischen Wertschöpfungskette: Erst im Sommer 2024 hat der Konzern sein mRNA-Kompetenzzentrum in Halle eröffnet. Sollte es erneut zu einer Pandemie kommen, könnte Wacker hier in kurzer Zeit 80 Millionen Dosen eines neuen Impfstoffs produzieren.

Investitionen wie das neue Biotechnology-Center von Wacker Chemie sind ein willkommener Lichtblick in Bayern: „Es ist eine große Freude, einen Termin zu besuchen, der kein Krisentermin ist, weil Leute entlassen werden“, verkündete ein gut gelaunter Hubert Aiwanger (Freie Wähler) bei der Eröffnung. Bayerns Wirtschaftsminister lobte die die Investitionsoffensive von Wacker. Kommende Woche geht in Burghausen eine neue Produktionsstraße für hochreines Polysilicium in Betrieb, Basis für moderne Computerchips. „Wo andere die Segel streichen und sich verdünnisieren investieren Sie“, sagte Aiwanger zum Wacker-Management.

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