EZB geht auf Nummer sicher

von Redaktion

Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, warnte gestern vor den Folgen eines Handelskrieges. © Ronald Wittek, EPA

Frankfurt – Zollstreit mit den USA und eine gesunkene Inflation: Erstmals seit einem Jahr lässt die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen im Euroraum unverändert. Der für Banken und Sparer wichtige Einlagenzins bleibt bei 2,0 Prozent, wie die EZB in Frankfurt mitteilte. Die Notenbank erklärte, das Umfeld sei „nach wie vor außergewöhnlich unsicher, vor allem aufgrund von Handelskonflikten“. Die EZB befinde sich in einer guten Position, um abzuwarten, sagte Präsidentin Christine Lagarde. Zuvor hatte die EZB die Leitzinsen siebenmal in Folge gesenkt. Der Einlagenzins für Gelder, die Banken kurzfristig bei der EZB parken, wurde seit Juni 2024 halbiert.

Fachleute hatten mit der Zinspause gerechnet, denn der Zollstreit mit den USA sorgt für Ungewissheit und die Inflationsrate im Euroraum ist deutlich zurückgegangen. Im Juni lag die Teuerung laut Eurostat bei 2,0 Prozent und damit genau im mittelfristigen Ziel der EZB. Damit ist die Inflationswelle nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs gebrochen – wenngleich Verbraucher das höhere Preisniveau im Alltag spüren.

Niedrigere Leitzinsen stützen die Konjunktur, da Kredite für Firmen und Verbraucher damit tendenziell günstiger werden. Sparer sind dagegen im Nachteil: Bekommen Banken weniger Zinsen für bei der EZB geparkte Gelder, senken sie meist die Tages- und Festgeldzinsen für ihre Kunden.

Dem Vergleichsportal Verivox zufolge brachten Tagesgelder zuletzt im Schnitt nur noch 1,17 Prozent Zinsen und Festgelder mit zwei Jahren Laufzeit 1,94 Prozent. Immerhin: Bei zehnjährigen Festgeldern seien die Zinsen wieder leicht gestiegen. Denn Banken stellten sich auf ein nahendes Ende der Zinssenkungsphase ein.

Grund für die Zurückhaltung der EZB ist auch der Zollstreit zwischen der EU und den USA unter Präsident Donald Trump. Die Folgen der teils verhängten und teils angedrohten hohen Zölle für Konjunktur und Inflation lassen sich nur schwer abschätzen. Der Inflationsausblick sei ungewisser als sonst, sagte EZB-Präsidentin Lagarde. Auf den künftigen Zinskurs legte sie sich wie üblich nicht fest.

Zwar hält sich die Wirtschaft im Euroraum robuster als angenommen, wie die EZB betonte. Doch spurlos geht der Handelskonflikt nicht an Unternehmen und Verbrauchern vorbei. Dem Ifo-Institut zufolge haben viele Firmen Investitionspläne in Deutschland aus Unsicherheit aufgeschoben.

Zugleich fürchten Ökonomen eine steigende Inflation, sollte die EU ihre vorbereiteten milliardenschweren Gegenzölle verhängen. Trump hatte Brüssel mit einem Zoll auf EU-Importe von 30 Prozent ab 1. August gedroht, bis zur Frist bleiben nur noch wenige Tage für Verhandlungen.

Mit dem Abwarten gewinnt die EZB Zeit bis zum nächsten Zinsentscheid im September, dann könnten die Zinsen weiter sinken. „Die EZB wartet auf den finalen Showdown in den Zollverhandlungen zwischen den USA und der EU“, sagte Carsten Brzeski, Chefvolkswirt bei der Bank ING.

Gerade deutsche Notenbanker wie EZB-Direktorin Isabel Schnabel und Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hatten für einen vorsichtigen Kurs plädiert. Andere Notenbanker äußerten die Sorge, dass die Inflation unter das EZB-Ziel fallen könnte – auch weil der starke Euro Importe nach Europa verbilligt und so den Preisdruck dämpft. Die Inflation im Euroraum dürfte nach jüngster EZB-Prognose dieses Jahr bei 2,0 Prozent liegen, 2026 könnte sie mit 1,6 Prozent das Ziel der EZB sogar unterschreiten.

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, warnte vor weiteren Zinsschritten. Der Einlagensatz sei mit zwei Prozent bereits niedrig. „Von nun an sollte die EZB sehr zurückhaltend sein, ihre Zinsen weiter zu senken.“

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