Bayernwerk-Chef Egon Westphal im Pressehaus. © Marcus Schlaf
E-Autos, Rechenzentren und viele Windräder: Auf das bayerische Stromnetz kommt einiges zu. Der größte Netzbetreiber im Freistaat ist das Bayernwerk. Im Interview erklärt Vorstandschef Egon Westphal, wie er den rasant wachsenden Strombedarf bedienen will und wie man die steigenden Netzkosten in den Griff bekommen könnte.
Herr Westphal, der Strombedarf und die Erzeugung sollen in den kommenden Jahren deutlich wachsen. Kommen die Netze in Bayern da noch hinterher?
Seit dem Frühjahr haben wir ein Jahr der Rekorde. 13 000 Megawatt Einspeisung in unser Netz. Vor Kurzem mit fast 7000 Megawatt Rückspeisung ins europäische Übertragungsnetz ein neuer Rekordwert. Diese Werte zeigen, wie leistungsstark das Stromnetz des Bayernwerks ist. Wir haben inzwischen eine Million regenerative Stromerzeugungsanlagen, die auf unser Netz wirken. Wir werden allein in den kommenden zwei Jahren vier Milliarden Euro in das Netz investieren und haben dafür 1000 neue Kräfte eingestellt. Wir bauen, was geht. Jetzt müssen wir sehen, dass Erzeugung und Verbrauch zueinanderpassen.
Einige Netzbetreiber melden, dass sie neue Projekte, etwa Batteriespeicher, erst in 15 Jahren anschließen können. Wie ist die Lage bei Ihnen?
Wir haben gerade Anschlussbegehren für über 60 000 Megawatt auf dem Schreibtisch. Das lähmt uns, weil viele Projekte nur Papierwerk sind. Jetzt müssen wir die Spreu vom Weizen trennen: Welche Anlagen können überhaupt realisiert werden? Das haben wir beim PV-Boom vor ein paar Jahren auch so gemacht. Bei Speichern gibt es noch eine Sondersituation: Wenn sie hinter einem technischen Engpass gebaut und falsch gesteuert werden, verstärken sie den Engpass. An der richtigen Stelle sind sie aber nützlich. Sie können sogar Netzausbau ersetzen. Deshalb haben wir als erstes Unternehmen in Deutschland einen netzdienlichen Speicher ausgeschrieben, der im Landkreis Cham gebaut wird.
Sie haben in Niederbayern erstmals die sogenannte Einspeise-Steckdose gebaut, um Erzeuger schneller ans Netz zu bekommen. Gibt es das auch für Abnehmer wie Rechenzentren?
Im Moment laufen wir mit der Infrastruktur den Windrädern und Solaranlagen hinterher. Mit der Einspeisesteckdose haben wir das umgedreht: Wir haben einen Netzanschluss gelegt, auf den sich Projektierer von Erneuerbare-Energien-Anlagen bewerben konnten. Innerhalb von 24 Stunden war fast die ganze Kapazität vergeben, obwohl wir 30 Prozent Spitzenkappung vorgegeben hatten. Das verbessert die Auslastung unserer Leitungen und macht die Projekte schneller: Im März hatten wir Spatenstich und im November nehmen wir den Anschluss in Betrieb.
Netzbetreiber brauchen attraktive Zinsen, um sich Kapital für den Ausbau zu beschaffen. Gleichzeitig sind die Netzentgelte für die Verbraucher in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Wie könnte man die Kosten bremsen?
Wir haben den immensen Ausbau bei Erneuerbaren Energien mit einem enormen Ausbau der Netzinfrastruktur begleitet. Das Netz rannte dabei den Erneuerbaren hinterher. Projekte wie die Einspeisesteckdose drehen das um und machen so das System günstiger, weil wir viel weniger Infrastruktur bauen müssen als für Einzelprojekte. Aber auch netzdienliche Speicher machen das System effizienter. Und es hat etwas mit Planung zu tun: Je näher die Erzeugung am Verbrauch ist, desto weniger Kabel müssen wir legen. Was man außerdem nicht vergessen darf: Je besser wir das Netz nutzen, also je mehr Strom wir für Wärme und Mobilität verbrauchen, desto besser verteilen sich die Netzentgelte pro Kilowattstunde.
Das gilt auch, wenn man Wind und Sonne kombiniert…
Genau. Vor zwei Jahren hatten wir den Fall, dass neben einem bestehenden Windrad eine neue PV-Anlage gebaut werden sollte. Die hätte einen neuen Netzanschluss gebraucht, der hätte Zeit und Geld gekostet. Wir haben uns dann mit Erzeugern zusammengesetzt und gesagt: Was, wenn wir beide Anlagen auf einen Anschluss legen und dort gemeinsam betreiben? Und das ging. Wind und Sonne ergänzen sich so gut, dass wir bei einem gemeinsamen Betrieb nur rund 3,5 Prozent des Solarstroms und 1,5 Prozent des Windstroms abregeln müssen. Dabei sparen sich alle Beteiligten die Kosten für den zusätzlichen Netzausbau. Das Potenzial ist hoch. Wir haben das Mal hochgerechnet: Bayern will bis 2030 rund 1000 neue Windräder bauen. Mit Überbauung bestehender PV-Anschlüsse wäre das allein im Bayernwerk-Netz möglich.
Heute bekommen Wind- und Solarstromerzeuger einen Garantiepreis pro eingespeister Kilowattstunde, egal ob der Strom gebraucht wird. Gäbe es bessere Anreize?
Seit Anfang des Jahres bekommen neue Anlagen keine Vergütung mehr, wenn sie bei negativen Strompreisen einspeisen. Das ist gut. Betreiber bekommen aber immer noch Entschädigungen, wenn sie aufgrund von Netzengpässen nicht einspeisen können. Würde das für neue Anlagen wegfallen, hätten die Projektierer einen Anreiz dort zu bauen, wo das Windrad oder die PV-Anlage den lokalen Strommix gut ergänzen und nicht zusätzliche Belastung schaffen. Oder einen Speicher anzubauen.
Helfen würde es auch, wenn Verbraucher sich mehr nach der Erzeugung richten würden. Am Großmarkt ist Solarstrom mittags etwa spottbillig. Um von diesen Preisen zu profitieren, brauchen Verbraucher aber digitale Stromzähler, Smart Meter. Wie weit ist der Ausbau?
Wir werden dieses Jahr 20 Prozent Abdeckung in unserem Netzgebiet schaffen. Damit sind wir überdurchschnittlich gut unterwegs. Wir schauen aber nicht nur auf die Smartmeter bei den Verbrauchern. Wir bauen auch digitale Ortsnetzstationen, damit wir das Netz in Echtzeit beobachten können. Damit können wir es besser steuern, auch das senkt Kosten.