München – Die Aussichten auf Arbeit und ein gutes Lohnniveau sind für Flüchtlinge aus der Ukraine bei der Wahl des Ziellandes wichtiger als die Sozialleistungen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Münchner Ifo-Instituts. „Wir sehen, dass Lohnunterschiede eine fast vier Mal stärkere Rolle bei der Wahl des Ziellands von ukrainischen Geflüchteten spielen als Unterschiede in Sozialleistungen“, sagt Panu Poutvaara, Leiter des ifo-Zentrums für Migration und Entwicklungsökonomik. Und schränkt gleichzeitig ein: „Das heißt natürlich nicht, dass Sozialleistungen keine Rolle spielen.“
Denn tatsächlich ergeben sich auf den ersten Blick Widersprüche. Obwohl es in Europa Länder mit höheren Lohnniveaus gibt, ist schließlich Deutschland, wo Ukrainer vollen Bürgergeld-Anspruch haben, das gefragteste Ziel.
„Es ist eine Kombination“, sagt Yvonne Giesing auf Nachfrage unserer Zeitung. Die stellvertretende Leiterin des ifo-Zentrums betont, dass es der deutsche Ansatz sei, die oft qualifizierten ukrainischen Geflüchteten in den Bereichen einzusetzen, in denen sie auch ausgebildet sind – beispielsweise in der Kindererziehung. Gerade um dieses Ziel zu erreichen, seien aber die Sozialleistungen von Bedeutung, weil sie verhinderten, dass Flüchtlinge aus Geldnot den erstbesten Job annehmen müssten.
So würden zwar etwa in Polen oder in den Niederlanden rund 70 Prozent der Ukrainer arbeiten, aber überwiegend in ungelernten Jobs – etwa im Reinigungssektor, in der Essensherstellung oder am Bau. Doch auch hierzulande zeigten sich bereits Fortschritte. Die Beschäftigungsquote von ukrainischen Flüchtlingen in Deutschland ist zuletzt von 24,8 Prozent im Oktober 2023 auf 33,2 Prozent angestiegen. 2024 hat Deutschland 6,3 Milliarden Euro Bürgergeld an Menschen aus der Ukraine ausbezahlt.
Den Studienergebnissen liegt ein hypothetisches Szenario zugrunde. So konnten die über 3300 Befragten zwischen zwei Ländern mit verschiedenen Bedingungen wählen. Als entscheidend habe sich dabei herausgestellt, ob das Land bessere Jobchancen oder höhere Löhne versprach. Stellt das Zielland positivere Aussichten in der Berufswahl in Aussicht, hätten sich die Befragten mit einer um 15 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit dafür entschieden. Wenn der Durchschnittslohn in einem Land beispielsweise 500 Euro höher sei, entschieden sich die Befragten mit einer um neun Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit dafür.
Beschäftigungsmöglichkeiten und höhere Löhne sind der Umfrage zufolge auch für derzeit arbeitslose Geflüchtete entscheidende Faktoren. Die ifo-Deutung: Sie planen offenbar, in Zukunft in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Außerdem würden Freunde oder Familie im Zielland mit 8,5 Prozentpunkten mehr ins Gewicht fallen als eine unmittelbare geografische Nähe zur Ukraine.
Doch auch individuelle Rückkehrabsichten spielen demnach eine Rolle: Geflüchtete, die planen, sich langfristig außerhalb der Ukraine niederzulassen, bevorzugten weiter entfernte Länder mit ökonomischen Vorteilen gegenüber Ländern, in denen sich Familie und Freunde befinden.SEBASTIAN HORSCH