Münchner Traditionskonzern: Bei Knorr-Bremse wird 42 Stunden die Woche gearbeitet. Die Belegschaft erhoffte sich dadurch sichere Arbeitsplätze – das könnte sich nun als Trugschluss erweisen. © Andreas Gebert/dpa
München – Zum 120. Geburtstag von Knorr-Bremse in diesem Jahr bedankte sich Konzernchef Marc Llistosella bei den Mitarbeitern des im MDax gelisteten Unternehmens für ihr Engagement. Nun müssen wohl mindestens 700 von ihnen gehen: Der Weltmarktführer bei Zug- und Lkw-Bremsen will im Rahmen seines Sparprogrammes „Boost 2026“ rund 13 Prozent der deutschen Belegschaft abbauen. Das geht aus einer Präsentation hervor, die unserer Zeitung vorliegt.
Demnach werden Mitarbeiter seit Juli gezielt darauf angesprochen, in Altersteilzeit zu gehen oder Aufhebungsverträge zu unterschreiben. Allein in München sollen so mindestens 328 Stellen abgebaut werden. In anderen deutschen Standorten wie Aldersbach oder Berlin sollen weitere 376 Stellen wegfallen. Lasse sich das bis Ende Oktober nicht mit Altersteilzeit und Aufhebungsverträgen erreichen, seien betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen. So werde Druck auf Mitarbeiter aufgebaut, lieber freiwillig zu gehen, heißt es aus dem Umfeld des Konzerns. Das Unternehmen bestätigte gegenüber unserer Zeitung zwar die Pläne zum Stellenabbau, sprach für den Standort München aber von „derzeit etwa 200 Arbeitsplätzen“. Eine Gesamtzahl für ganz Deutschland nannte der Konzern nicht.
Konzern „finanziell in Top-Form“
Der Stellenabbau kommt in einer Zeit, in der Knorr-Bremse hohe Gewinne einfährt. „Insgesamt zeigen wir uns finanziell in Top-Form“, sagte Finanzchef Frank Weber im Februar bei der Vorstellung der vorläufigen Bilanz für 2024. Die Münchner meldeten dort einen Rekord-Auftragsbestand von 7,2 Milliarden Euro, eine Rekordsumme bei den verfügbaren Barmitteln von 730 Millionen Euro und eine auf 12,3 Prozent angewachsene Gewinnmarge. Im ersten Halbjahr 2025 stieg der operative Gewinn auf knapp eine halbe Milliarde Euro und die Gewinnmarge erhöhte sich auf 12,6 Prozent, wie Ende Juli veröffentlichte Zahlen zeigen.
Gleichzeitig kritisierte Konzernchef Llistosella sowohl gegenüber Mitarbeitern als auch in der Presse die hohen Arbeitskosten in Deutschland. Mittlerweile seien zwar nur noch 16 Prozent der über 30000 Mitarbeiter des Unternehmens in Deutschland angesiedelt, diese würden aber 29 Prozent der weltweiten Personalkosten verursachen und gleichzeitig nur 13 Prozent des Umsatzes erwirtschaften. Es müsse auch über die Arbeitszeiten geredet werden, die in Deutschland vergleichsweise gering seien.
Irritation und Ärger in der Belegschaft
Die Pläne des Vorstandes machen weite Teile der Belegschaft wütend und fassungslos. So wollten Mitarbeiter in einer Betriebsversammlung wissen, wie das Management auf solche Zahlen komme. Die Zentrale in München sei auch für die längst ins Ausland verlagerte Produktion unentbehrlich. Angesichts der zweistelligen Gewinnmarge des Konzerns sei es außerdem extrem enttäuschend, dass aus dem „Boost“-Programm zur Effizienzsteigerung eine reine Maßnahme zum Jobabbau geworden sei.
„Der Standort Deutschland soll geschwächt werden, es geht nur noch um den Gewinn“, kritisierte Filippos Kourtoglou von der IG Metall München. Den Beschäftigen sei in den vergangenen Jahren viel zugemutet worden, etwa die Kündigung des Tarifvertrags und die Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 42 Stunden. Dafür habe die Belegschaft darauf vertraut, dass ihr Arbeitsplatz sicher sei. „Dieses Vertrauen wurde unter Marc Llistosella fahrlässig verspielt“, so der für Knorr-Bremse zuständige Gewerkschafter, der von einem „Schlag ins Gesicht der Beschäftigten“ spricht. In der Satzung der Familienstiftung des 2021 verstorbenen Firmenpatriarchen Heinz Hermann Thiele stehe, Knorr-Bremse solle möglichst viele Arbeitsplätze in Deutschland erhalten.
Eine Unternehmenssprecherin erklärte am Donnerstag, man wolle Knorr-Bremse „langfristig erfolgreich und effizient“ aufstellen. „Knorr-Bremse bekennt sich klar zum Wirtschafts-und Produktionsstandort Deutschland.“