Die digitale Brieftasche ist eines der wichtigsten Projekte, die derzeit in der Europäischen Union laufen. Wie üblich in der Staatengemeinschaft ist der Weg dahin kompliziert. Jedes Mitgliedsland darf eine eigene Lösung entwickeln. Sie muss aber überall funktionieren. Dänemark und Österreich sind vorn dabei, Deutschland hängt etwas hinterher. Die deutsche Wirtschaft sieht große Chancen. Etwa der Bankenverband, der drängt, die digitale Brieftasche möglichst schnell einzuführen, wie Hauptgeschäftsführer Heiner Herkenhoff sagt.
„Die Europäische Digitale Identitäts-Wallet, kurz Eudi-Wallet, ist ein praktischer Begleiter in vielen Lebenslagen“, sagt er. „Sie speichert digitale Nachweise – vom Personalausweis über den Führerschein bis hin zu Zeugnissen oder Bankdaten. Damit lassen sich Behördengänge, Vertragsabschlüsse oder Altersnachweise einfach erledigen – europaweit und ohne lästigen Papierkram.“ Alles sei sicher, gebündelt an einem Ort und jederzeit verfügbar.
In Deutschland kümmert sich die Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) im Auftrag des Bundesinnenministeriums um die digitale Brieftasche. In einem aufwendigen Wettbewerb sind in drei Stufen elf Teams angetreten, um eine Lösung zu erarbeiten. Konzerne wie Google und Samsung haben sich beteiligt. Eingebunden ist auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie. Seit Frühjahr gibt es einen Prototyp. Erste Anwendungen sollen im Oktober vorgestellt werden. Der genaue Starttermin ist noch unklar.
Aus Sicht des Verbandes verfolgt die Bundesregierung das Thema tatsächlich auch ernsthaft. „Mit dem neuen Digitalministerium gibt es erstmals eine klare Struktur, die Ressourcen und Zuständigkeiten bündelt“, sagt Herkenhoff. „Jetzt braucht es verlässliche Fahrpläne, klare Verantwortlichkeiten und ausreichend Budget.“
Die Vorteile sind aus Sicht von Herkenhoff klar: Die Bürger hätten ein sicheres, digitales und europaweit gültiges Instrument, um ihre Identität nachzuweisen. Unternehmen und Behörden könnten schneller, einfacher und ohne Medienbrüche arbeiten. Und: „Die Wallet kann Verwaltung und Wirtschaft einen kräftigen Digitalisierungsschub geben.“
Doch es gibt auch Risiken. Offen seien Fragen zu Haftung, technischer Komptabilität und zur Integration in bestehende Systeme, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands. Klare Regeln und ein abgestimmtes Handeln aller EU-Mitgliedstaaten seien entscheidend. Nationale Sonderwege bremsten die grenzüberschreitende Nutzung nur.
Dass die Bundesbürger als eher skeptisch bei neuen digitalen Technologien gelten, ficht Herkenhoff nicht an. „Wir glauben an den Erfolg der digitalen Brieftasche, wenn sie echten Mehrwert bietet“, sagt er. „Wer merkt, dass er vieles schnell, sicher und einfach digital erledigen kann – ohne komplizierten Papierkram –, wird sie nutzen. Wichtig, um zu überzeugen: ein breites Angebot, eine möglichst einfache, intuitive Bedienung und gute Information.“
Bereits heute gibt es Wallets im Smartphone, etwa von Apple, Google und Samsung. Dort können Eintrittskarten, Mitgliedsausweise und Bankkarten für mobiles Bezahlen abgelegt werden, aber keine offiziellen Dokumente.
Schafft Deutschland es rechtzeitig? Laut EU-Verordnung müsse die Wallet Ende 2026 stehen, sagt Herkenhoff. „Ich halte es für realistisch, dass wir in Deutschland Anfang 2027 starten – vielleicht zunächst mit einigen ausgewählten Funktionen. Die größere Aufgabe ist, alle Beteiligten früh und reibungslos ins Ökosystem einzubinden.“