Adipositas ist im Gesundheitssektor ein gewaltiger und wachsender der Markt. Viele Betroffene setzen große Hoffnungen in Abnehmspritzen oder neuerdings Abnehmpillen. © tomwang, smarterpix
Frankfurt – Nach Jahren des rasanten Wachstums muss das dänische Unternehmen Novo Nordisk seine Führungsrolle im milliardenschweren Markt für Abnehmmedikamente verteidigen. Der Markt selbst bleibt hoch attraktiv.
„Es scheint der Fluch der großen europäischen Unternehmen zu sein“, sagt Ingo Koczwara, Aktienportfoliomanager beim Münchner Vermögensverwalter Eyb & Wallwitz: „Nestlé, der niederländische Halbleiterproduzent ASML, der Luxuskonzern LVMH – und nun Novo Nordisk: Sobald sie sich – gemessen an der Marktkapitalisierung – zum größten Unternehmen in Europa aufgeschwungen haben, folgt der Absturz“.
In der Tat vollzog der dänische Pharmakonzern, dem die Welt den Hype um Abnehmspritzen verdankt, innerhalb weniger Wochen den Absturz vom europäischen Börsenmotor und Hoffnungsträger zum mit Skepsis beäugten Abstiegskandidaten. Das Unternehmen steckt in der Krise, das Vertrauen von Anlegern und Analysten hat stark gelitten. Ende Juli verlor Novo Nordisk an einem einzigen Tag rund 25 Prozent seines Marktwerts – der größte Einbruch in der Unternehmensgeschichte.
Auslöser war eine Gewinnwarnung:Die Umsatzprognose für den einstigen Liebling der Börsengemeinde für 2025 wurde gekappt – von ursprünglich 13 bis 21 Prozent auf nur noch 8 bis 14 Prozent. Auch die operative Gewinnprognose schrumpfte. Erste namhafte Börsenanalysten senken den Daumen.
Die Nachfrage nach den zeitweise als Problemlöser für eines der größten gesellschaftlichen Tabuthemen verklärten Abnehmspritzen Wegovy (Adipositas) und Ozempic (Diabetes) geht vor allem auf dem wichtigen US-Markt zurück. Gleichzeitig nehmen hier die Konkurrenz durch Nachahmer-Präparate und der politische Druck zu: US-Präsident Donald Trump fordert von der gesamten Pharmabranche niedrigere Medikamentenpreise. Damit nicht genug, drohen teure Sammelklagen. Dem Novo-Nordisk-Management wird vorgeworfen, irreführende Aussagen über das Wachstumspotenzial des Unternehmens gemacht zu haben.
Die Verunsicherung der Anleger hat auch zu tun mit den einst hochtrabenden Erwartungen. Vor vier Jahren erhielt „Wegovy“ in den USA die Zulassung zur Behandlung von Adipositas. Das katapultierte die Dänen über Nacht zum Spitzenreiter in einem neuen Milliardenmarkt. Vor allem war Novo Nordisk schneller als große Konkurrenten wie der US-Konzern Eli Lilly und konnte sich deshalb früh Marktanteile sichern. Zwischen 2021 und 2024 stieg der Aktienkurs um über 150 Prozent. In Deutschland waren die Anteilsscheine zwischenzeitlich beliebter als die von Amazon oder Meta – ein seltener Erfolg für ein europäisches Unternehmen.
Die gefeierten Präparate nähren die ewige Hoffnung auf ein Abnehmen ohne oft fruchtlose Diäten und sportliche Strapazen. Sie entwickelten sich schnell zum Social-Media-Knaller. Der Wunsch nach schnellen Lösungen gegen unerwünschte Pfunde machte die Spritzen zu einem Symbol für Lifestyle und individuelle Gesundheitsoptimierung. Aber auch in medizinischen Studien zeigten beide Medikamente gute Resultate.
Fettweg-Spritzen sind nach einer Analyse der DZ-Bank ein enorm lukrativer Markt. Schätzungen gehen von einem möglichen Marktvolumen von 100 Milliarden Dollar bis 2030 aus. Fettleibigkeit gilt unter Gesundheitsökonomen seit geraumer Zeit als versteckte, aber extrem teure Epidemie.LautWorld Obesity Atlas von 2023 gelten aktuell etwa eine Milliarde Menschen als betroffen, darunter 25 Prozent Kinder und Jugendliche.
Deshalb ist dem Portfolio-Manager Koczwara langfristig auch nicht bange um Novo Nordisk: „Wir erwarten ein Comeback und haben nachgekauft, sagt er. „Vor drei Jahren hatte das Unternehmen vier Millionen Patienten, heute sind es 12 Millionen, das Potenzial weltweit geht in die Milliarden.“ Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13 seien die Aktien darüber hinaus „absurd günstig“ bewertet.
Nicht alle seiner Analystenkollegen sind derart optimistisch: Zwar sei sie überzeugt, dass der Adipositas-Markt einer der größten Therapiemärkte der Geschichte werde, urteilte Barclays-Expertin Emily Field.Ohne klare Vorstellungen darüber, wie Semaglutid wieder zu Absatzwachstum zurückkehren könne, sehe sie aber keinen Grund für Anleger, die Aktie zu kaufen, schrieb sie. Nicht geholfen hat, dass die Dänen AnfangAugust wenig berauschende Ergebnisse für das zweite Quartal bekannt geben und die maue Jahresprognose bestätigen mussten. Allerdings: dem Konkurrenten Eli Lilly ging es kaum besser: seine mit Spannung erwarteten Studienergebnisse für das Konkurrenzprodukt Orforglipron in Tablettenform enttäuschten. Die Studienteilnehmer verloren weniger Gewicht als erhofft.