Mediaset ist in Italien omnipräsent. Jetzt greifen die Mailänder nach dem deutschen Markt. Ohne politische Linie, heißt es. © dpa
Unterföhring – An diesem Dienstag trifft Pier Silvio Berlusconi im Berliner Kanzleramt Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Der Minister möchte erklärt bekommen, was Berlusconi als Vorstandsvorsitzender der Medienholding Media for Europe (MFE) mit dem bayerischen TV-Konzern ProSiebenSat1 vorhat. Die Italiener haben sich soeben ein Aktienpaket gesichert, das ihren Anteil beim viertgrößten deutschen TV-Netzwerk auf fast 60 Prozent anhebt. Pier Silvio ist der Sohn des viermaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Und obwohl Berlusconi senior vor zwei Jahren im Alter von 86 Jahren verstorben ist, wird sein Geist auch im Kanzleramt dabei sein.
Berlusconi junior, das ist sein Lebensschicksal, muss sich stets an seinem Übervater messen lassen, dem Milliardär, Medienmogul und Ministerpräsidenten. Der Wunsch, den Vater hinter sich zu lassen, ist verständlich. Dabei ist Berlusconis Zweitgeborenem mit der Übernahme gerade schon ein unternehmerisches Meisterstück in der Bieterschlacht mit dem tschechischen Konzern Ppf gelungen.
Natürlich war es der Vater, der mit der Gründung von Mediaset, einem Agglomerat seiner TV-Sender, den Grundstein legte. Pier Silvio hospitierte nach einem Philosophie-Studium erst bei der Marketingfirma seines Vaters, Publitalia, dann beim Sender Italia 1 und stieg zum Programmverantwortlichen bei Mediaset auf. Zur Jahrtausendwende wurde er Vizepräsident der Holding, 2015 Geschäftsführer. 2019 entschied Pier Silvio den Einstieg von Mediaset bei ProSiebenSat1 mit 9,6 Prozent, 2022 wurden die Italiener mit 25 Prozent Hauptaktionäre. Im Jahr zuvor hatte der heute 56-Jährige mit der Umbenennung von Mediaset in Media for Europe sein Unternehmensziel vorweggenommen, Marktführer auf dem Kontinent zu werden.
In Italien haben die Berlusconi-Sender einen Marktanteil von fast 36 Prozent und liegen damit vor dem Staatskonzern RAI. Pier Silvio Berlusconi war es auch, der mehr Qualität in das Trash-Fernsehen des Vaters bringen wollte. Aufsehen erregte etwa das Mediaset-Engagement der TV-Moderatorin Bianca Berlinguer vor zwei Jahren. Die klar linksorientierte Tochter des bekannten Kommunistenführers Enrico Berlinguer wechselte von der RAI zum Berlusconi-Sender Rete 4. Pier Silvio Berlusconi begründete diesen Schritt damit, er wolle „Fachleute von Gewicht“ engagieren und „das redaktionelle Spektrum erweitern“.
Auch in Spanien ist Mediaset aktiv. Hier erreichen die MFE-Sender rund 25 Prozent der Zuschauer, auch hier kann nicht von einer rechtslastigen politischen Linie die Rede sein. Die Sender setzen auf Unterhaltung, Hintergrund, Nachrichten, es geht dem Konzern in erster Linie um wirtschaftlichen Erfolg mit so vielen Zuschauern wie möglich. Nun kommt das deutschsprachige Publikum dazu. Und damit die Frage, ob Berlusconi junior, Sohn des ersten großen europäischen Populisten, etwaige eigene politische Ambitionen mit länderübergreifender Medienmacht befördern will. MFE habe „nicht das Ziel, die Programme oder die redaktionelle Linie bei ProSiebenSat1 zu verändern“, versichern Insider. Die MFE-Strategie sei auf lokale Inhalte, technologische Synergien und Vorteile auf dem Werbemarkt gerichtet.
Trotzdem meldete etwa der Deutsche Journalistenverband (DJV) Bedenken an. Es sei „bedauerlich“, dass ProSiebenSat 1 von Berlusconi übernommen wird, sagte der DJV-Bundesvorsitzende Mika Beuster. Die deutschen Privatsender sollten nicht „zu rechtspopulistischen Dampfmaschinen“ gemacht werden. In dem Statement klingen alte Vorbehalte gegen die Medienmacht des umstrittenen Politikers Silvio Berlusconi mit. Tatsache heute ist, dass die Berlusconi-Partei Forza Italia weiterhin von der Familie finanziert wird. In der Rechtsaußen-Regierung von Giorgia Meloni gibt sie allerdings den gemäßigt-konservativen Partei, am ehesten mit der CDU zu vergleichen.