Der Mann, der nach TikTok greift

von Redaktion

Oracle-Gründer Larry Ellison (rechts) gilt als enger Vertrauter von US-Präsident Donald Trump. Das Foto entstand im Januar im Weißen Haus in Washington. © IMAGO

München – Larry Ellison zitiert das Sprichwort so oft, dass viele in seinem Umfeld glauben, es stamme von ihm selbst: „Es reicht nicht aus, dass ich Erfolg habe. Alle anderen müssen scheitern.“ Tatsächlich handelt es sich um einen jahrhundertealten Spruch vom Mongolenherrscher Dschingis Khan, den sich der Tech-Milliardär zu eigen gemacht hat. Und auch wenn er ihn gerne als Scherz verkauft, meint er ihn wohl todernst. Wie sonst hätte er Elon Musk als reichsten Menschen der Welt überholen können?

Zumindest kurzzeitig war das Vermögen des Mannes, dessen Name wohl den meisten Menschen unbekannt sein dürfte, schwerer als das des Tesla-Chefs: Auf 393 Milliarden Dollar schätzt es die Finanzagentur Bloomberg vor zwei Wochen – Musk lag mit 385 Milliarden knapp drunter. Ellisons Höhenflug erklärt sich auch, aber nicht nur, durch die Dauerkrise bei Tesla. Denn mit seinen 81 Jahren macht der Milliardär gerade noch mal das Geschäft seines Lebens.

Ellison, fünffach geschieden und Vater von zwei Kindern, ist Gründer von Oracle: ein US-Softwarekonzern, mit dem vor allem Banken und Versicherungen arbeiten. Das Technologieunternehmen sorgt – vereinfacht gesagt – dafür, dass Firmen riesige Mengen an Daten speichern, verwalten und auswerten können. Erster Kunde war Ende der 1970er-Jahre der Auslandsgeheimdienst CIA, kurz darauf ging Oracle an die Börse. Eigentlich könnte man meinen, Ellison hat bereits alles, was man braucht: Jachten, Inseln, Villen, Privatjets.

Doch tatsächlich strebt er nach mehr – einem Produkt, mit dem auch normale Menschen in Berührung kommen. „Reich zu sein ist das eine“, verriet einer seiner Freunde gegenüber der Presse, „aber Musk ist für Verbraucher relevant – er hat Macht in Kultur, Politik und Medien.“

Genau diese Macht rückt nun auch für Ellison in greifbare Nähe. Als enger Vertrauter von Donald Trump könnte er bald zu einem der mächtigsten Medienmogule der Welt werden.

Läuft alles wie geplant, steht er vor einem großen Deal, der ihm erhebliche Anteile an TikTok verschaffen könnte. Nach einem Gespräch mit Chinas Staatschef Xi Jinping hat der US-Präsident am Wochenende angedeutet, dass die extrem populäre Social-Media-App zu großen Teilen in die Hände amerikanischer Investoren gehen wird – unter anderem an Ellison.

Erst kürzlich hatte Larry Ellison seinem Sohn David dabei geholfen, das Hollywood-Studio Paramount zu kaufen. Berichten zufolge liegt nun auch ein Angebot der Familie für Warner Bros. Discovery auf dem Tisch, zu dem unter anderem die Sender HBO und CNN gehören. Sollte der Deal wirklich zustande kommen, könnte das nach Einschätzung von Experten die Entertainmentbranche völlig umkrempeln – ähnlich wie im Jahr 2019, als Disney das Medienunternehmen 21st Century Fox geschluckt hatte.

Offen bleibt, wie stark Larry Ellison die inhaltliche Ausrichtung der Medien beeinflussen will. Er hat jedenfalls in der Vergangenheit kein Geheimnis draus gemacht, den Nachrichtensender CBS News politisch nach rechts zu rücken. Auch sein Umgang mit Nutzerdaten sorgt für Fragen. Zu seinen jüngsten Ideen gehört der Aufbau einer totalen Überwachungsgesellschaft: ein allumfassendes Netzwerk an Kameras und Drohnen, die Menschen mithilfe von Künstlicher Intelligenz auf Schritt und Tritt beobachten sollen. Dann würden sich die Bürger „von ihrer besten Seite zeigen“, versprach er. Fest steht: Sollte ihm tatsächlich der Einstieg bei TikTok gelingen, hätte er damit schon mal Zugriff auf eine der größten Datenquellen der Welt.

Artikel 7 von 9