INTERVIEW

„Geothermie-Markt verdoppelt sich“

von Redaktion

Chef der Bohrfirma Daldrup aus Oberhaching rechnet mit Boom

Gerade in Oberbayern gibt es reiche Vorkommen an heißem Thermalwasser. Damit könnten bald deutlich mehr Kommunen mit Wärme versorgt werden. © Daldrup

München – Geothermie kann klimafreundliche Wärme liefern, gleichmäßig an 365 Tagen im Jahr. Doch das Risiko, mit einer teuren Bohrung kein Thermalwasser zu finden, ist für die meisten Kommunen zu groß. Auch Versicherer hatten das Geschäft gemieden. Ein neues Gesetz könnte jetzt aber einen Erdwärme-Rausch auslösen. Wie genau, weiß Andreas Tönies, Geschäftsführer beim Bohrunternehmen Daldrup und Söhne aus Oberhaching.

Bislang spielt Geothermie kaum eine Rolle, vor allem weil sie von der Politik lange vernachlässigt wurde. Ändert sich das jetzt?

Eindeutig. Inzwischen hat das Bundeskabinett das Geothermiebeschleunigungsgesetz beschlossen, das die Genehmigungszeiten deutlich verkürzt. Hinzu kommen attraktive Förderungen: Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle fördert inzwischen 40 Prozent der Kosten. Für weitere 40 Prozent sollen bald Darlehen von der KfW kommen. Das ist ein Instrument, das noch von der Ampelregierung ausgearbeitet wurde und jetzt durch die neue Regierung im September beschlossen wurde. Einfach gesagt: Die KfW wird Geld zur Verfügung stellen und in Zusammenarbeit mit der Münchener Rück auch die Fündigkeitsrisiken absichern. Wenn die Bohrung fündig wird, wird die Summe in ein ganz normales Darlehen umgewandelt. Wird aber kein heißes Wasser gefunden, soll das KfW-Darlehen erlassen werden und es müssen von dem Projektentwickler beziehungsweise den Kommunen nur noch die restlichen 20 Prozent als Verlust getragen werden.

Wegen der hohen möglichen Verluste durften die meisten Kommunen Geothermie bisher gar nicht erschließen.

Auch weil sie keine Versicherer dafür gefunden haben: Die Münchner Rück ist 2014 nach Fehlbohrungen in Geretsried und Traunreut aus dem Geschäft ausgestiegen und damit der Rest der Versicherungsbranche. Wir haben uns dann mit der XL Insurance Company, heute Axa XL- zusammengetan, die gesagt hat: Wir vertrauen euch, wir bieten euren Kunden über euch eine Fündigkeitsversicherung an. Damit haben wir beispielsweise Geothermie für zwei niederländische Gewächshausbetreiber möglich gemacht. Das funktioniert aber nur für den privaten Bereich: Mit unserer Absicherungslösung legt man sich auf uns als Bohrkontraktor fest. Kommunen müssen solche Projekte aber frei ausschreiben.

Erwarten Sie jetzt mehr Anfragen?

Eindeutig. Ich erwarte, dass sich der Markt in fünf Jahren verdoppelt bis verdreifacht. Auch weil die Kommunen ihre Wärmeplanung machen müssen. Die Frage ist aber nicht: Was wird geplant, sondern was wird tatsächlich umgesetzt. Und es gibt nicht viele Unternehmen, die solche Bohrungen machen können.

Eine Gemeinde, die jetzt loslegt, ist Pullach.

In Pullach werden wir ab Januar an zwei Standorten insgesamt sieben Bohrungen erstellen. Da sind wir als Generalunternehmer für die „Innovative Energie für Pullach“, kurz IEP, tätig. Das ist ein kommunales Unternehmen, gegründet von der Gemeinde Pullach im Isartal. Zudem gibt es die Option für drei weitere Bohrungen. Mit der Wärme werden dann die Gemeinde Pullach und die BND-Liegenschaften versorgt.

Sie verlegen jetzt sogar Ihren Sitz nach Pullach. Ist der Auftrag so groß?

Es ist derzeit unser größter. Wir werden mit rund 60 Mitarbeitern für zweieinhalb Jahre Tag und Nacht dort arbeiten, Weihnachten wie Ostern. So eine Bohranlage mit allen Subunternehmern kostet immerhin je nach Bohraufgabe rund 50 000 Euro am Tag. Und wir wollen natürlich unsere Ingenieure, Lager und Werkstätten möglichst nah am Projekt haben.

Wärmenetze gelten nur in dicht besiedelten Gebieten als rentabel. Wer kommt auch ohne Förderung auf Sie zu?

Rund 20 Prozent der Anfragen kommen von privaten Investoren. 80 Prozent von öffentlichen Auftraggebern wie Kommunen und Stadtwerke. Diese sind hauptsächlich Gemeinden, die schon ein Wärmenetz haben oder es ausbauen können. Wir erhalten gerade viele Anfragen aus dem Osten Deutschlands, vor allem dem Bereich Berlin und Brandenburg. Dort hingen viele Wärmenetze an Kohlekraftwerken. Hier in Bayern ist man schon weiter, auch weil wir uns hier durch den Malmkarst, einen hervorragenden Heißwasserleiter unter unseren Füßen, im geothermischen Schlaraffenland befinden.

Welche Projekte sind denn von Daldrup?

Wir haben bereits viele Projekten abgebohrt. Beispielsweise in Bayern für das Projekt Schäftlarnstraße der Stadtwerke München und zuletzt in 2024 für das der MTU Aero Engines AG im Norden von München. Wir waren unter anderem bis 2020 Mehrheitseigentümer des Geothermiekraftwerks in Taufkirchen. Dann haben wir uns aber dazu entschlossen, uns ganz auf den Bohrbetrieb zu konzentrieren, weil hier unsere Kernkompetenzen liegen. Wir beginnen jetzt mit dem Geothermieprojekt im Nordwesten von München für die Amper Thermalwärme GmbH in Olching. Auch haben wir bereits Mineralwasserbohrungen für einige Brauereien in Bayern gebohrt.

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