Die von Benko privat genutzte Villa bei Innsbruck ist Gegenstand der Ermittlungen. Der Prozess ist Auftakt zur strafrechtlichen Aufarbeitung der größten Pleite der österreichischen Geschichte – mit gravierenden Auswirkungen auch auf München (Bericht unten). © Groder, dpa
Innsbruck – Darauf haben viele gewartet: Von heute an muss sich der österreichische Mega-Pleitier René Benko vor Gericht verantworten. Schon in diesem ersten Prozess vor dem Landesgericht Innsbruck drohen dem 48-Jährigen bis zu zehn Jahre Haft. Weitere Anklagen bereitet die Wiener Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) vor. Ihm wird „betrügerische Krida“ vorgeworfen. Der Begriff meint in Österreich eine Insolvenzstraftat. Benko soll Geld aus dem von ihm geführten Signa-Konzern für sich privat abgezwackt haben. Und zwar – das ist wichtig – obwohl ihm bewusst war, dass das weit verzweigte Unternehmen unweigerlich in den Konkurs rutschen wird. Was dann Anfang 2024 auch der Fall war.
Um was es jetzt vor dem Landesgericht Innsbruck geht, mutet erst einmal wie Peanuts an. Für eine seiner verschiedenen Villen, auf der Innsbrucker Hungerburg, soll er 360 000 Euro von der Signa als Miet- und Betriebskostenvorauszahlung entnommen haben. Wegen eines Wasserschadens war die Villa aber zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewohnbar. Die WKStA sieht die Zahlung als „wirtschaftlich und sachlich unvertretbar“. Weiter besaß Benko pompöse Anwesen unter anderem in Innsbruck-Igls, in Sirmione am Gardasee sowie im Nobel-Skiort Lech am Arlberg.
Der zweite Anklagepunkt des Prozesses: Benko soll einer Angehörigen 300 000 Euro aus dem Signa-Vermögen geschenkt haben. Gemeint ist seine Mutter Ingeborg, eine pensionierte Erzieherin. Als Strohfrau, so wird vermutet, steht sie den verschiedenen Benko-Familienstiftungen in Österreich und in Liechtenstein vor. Dort dürfte der gescheiterte Unternehmer so viel Geld und Wertsachen wie irgend möglich gebunkert haben, an diese Stiftungen kommt der Staat bisher kaum heran.
Insgesamt verfolgt die WKStA 14 verschiedene Benko-Themenkomplexe, die sie „Stränge“ nennt. Der Angeklagte sitzt seit Januar dieses Jahres in U-Haft, denn die Justiz sieht bei ihm Flucht- und Verdunkelungsgefahr. Tatsächlich scheint er in der Zeit davor alles unternommen zu haben, um möglichst viel Geld und Vermögen aus der Signa für sich herauszuziehen. Regelmäßig alle ein oder zwei Monate wurde die U-Haft bisher gerichtlich verlängert. Im Gespräch mit dieser Zeitung machte ein Sprecher der WKStA gar kein Hehl daraus: Diese erste, kleine Anklage habe das Ziel, dass Benko nach einer Verurteilung für längere Zeit sicher im Gefängnis sitzt. In der Zwischenzeit wird an den größeren Anklagen gearbeitet.
Benko und sein Verteidiger Norbert Wess werden es nicht einfach haben in Innsbruck. Die WKStA gilt in Österreich als entschiedenste Ermittlungsbehörde, die sich allen Versuchen der politischen Einflussnahme widersetzt. Und die Vorsitzende der Strafkammer Andrea Wegscheider wird im Boulevard als „Richterin Gnadenlos“ tituliert. Angesetzt sind zwei Verhandlungstage – heute kann sich Benko äußern, am Mittwoch sind acht Zeugen geladen. Einige von diesen können aber die Aussage verweigern wie seine Mutter und seine Ehefrau Nathalie. Diese hat laut Berichten im März 2025 die Scheidung eingereicht und ist mit den drei Kindern weggezogen.
Der Schaden, den Benko mit seinen immer waghalsigeren Immobilienprojekten angerichtet hat, beziffert die WKStA auf 300 Millionen Euro. Viele Privatanleger, Banken und Versicherungen haben ihm sehr viel Geld geliehen – und verloren. Eine große Bauruinen ist etwa der Hamburg Elbtower. In München sind unter anderem die Alte Akademie und der einstige Karstadt betroffen. In Stuttgart klafft in der Fußgängerzone ein „Benko-Loch“.