Das steckt hinter dem Öl-Coup

von Redaktion

Trump will an das schwere Merey-Öl aus Venezuela. © Jose Isaac Bula Urrutia/Imago

Washington/Caracas – Donald Trump macht keinen Hehl aus seinen Absichten: Venezuela habe „unser Öl gestohlen“, wetterte der US-Präsident, und das will er jetzt mit militärischer Gewalt holen. In einem ersten Schritt sollen bis zu 50 Millionen Barrel (159 Liter) Öl in die USA geliefert werden, der Erlös zwischen den USA und Venezuela aufgeteilt werden, verwaltet von Trump persönlich. Danach sollten die US-Ölkonzerne Milliarden in die Infrastruktur des Landes investieren und die Fördermengen erhöhen.

Auf den ersten Blick scheint das logisch: „Für die USA ist das Öl äußerst attraktiv, da ihre Raffinerien auf schweres Rohöl spezialisiert sind, wie es aus Venezuela und Kanada kommt“, erklärt Linda Yu, Analystin bei der DZ Bank. Denn die USA waren lange auf Lieferungen aus dem Ausland angewiesen. Weil das Merey-Öl aus dem Orinoco-Becken zähflüssig und schwefelhaltig ist, haben die Staaten hier einen historisch gewachsenen Vorteil: „Im Gegensatz zu anderen Ländern müssen sie keine teuren Verarbeitungskapazitäten dafür aufbauen.“ Denn Raffinerien für schweres Öl sind „komplexer und kapitalintensiver als Anlagen für leichtes Öl“, so Marktkennerin Yu.

Doch ausgerechnet die Ölkonzerne brauchen aktuell gar nicht mehr Öl. Denn die Welt schwimmt derzeit in Treibstoff, die Preise sind niedrig. Mit knapp 14 Millionen Barrel täglicher Förderung kommt das meiste Öl dabei aus den USA selbst. Ein Weltmarktanteil von rund 13 Prozent, mehr als Saudi Arabien. Die USA können rechnerisch einen Großteil ihres Verbrauchs von rund 20 Millionen Barrel decken. Venezuela ist dagegen ein Zwerg: „Jahrzehntelang hat Venezuela mehr als drei Millionen Barrel Öl pro Tag gefördert“, erklärt Linda Yu. „Heute sind es nur noch rund eine Million Barrel täglich.“ Und das obwohl hier mit rund 300 Milliarden Barrel die größten Reserven der Welt liegen.

Der Grund: Lange Jahre waren US-Öl-Konzerne in Venezuela aktiv. 2007 hatte Hugo Chávez, der Vorgänger des jüngst gefangenen Nikolás Maduro, die Förderanlagen teilenteignet und verstaatlicht. Konzerne wie Exxonmobil und ConocoPhillips bekamen vor Schiedsgerichten der Welthandelsorganisation zwar Entschädigungen in Milliardenhöhe zugesprochen, warten aber teilweise bis heute darauf.

Öl ist im Regenwald theoretisch nicht nur reichlich vorhanden, sondern auch preiswert: „Öl aus Venezuela könnte perspektivisch günstiger sein als Öl aus Fracking- und Offshore-Förderung“, erklärt Linda Yu. „Bei Ersterem lohnt sich die Förderung ab schätzungsweise 40 bis 50 Dollar pro Barrel, bei Letzterem ab 40 bis 60 Dollar.“ Doch das Öl könnte aktuell zu günstig sein, um gefördert zu werden: Schon die Preise für die leichten und damit hochwertigen Sorten Brent aus der Nordsee und WTI aus Texas sind mit 61 und 56 Dollar pro Barrel derzeit unkomfortabel niedrig. Und Venezuela muss neben den Qualitäts- auch Risiko-Abschläge hinnehmen: Wie „Reuters“ berichtet, dürfte der Merey-Preis Mitte Dezember zwischen 39 und 47 Dollar pro Fass gelegen haben.

Dazu kommen ganz handfeste Probleme, erklärt DZ-Bank-Analystin Linda Yu: „Die Öl-Infrastruktur des Landes ist in einem desolaten Zustand. Selbst wenn die politische Lage sich stabilisiert, wird es noch viele Jahre dauern, bis wieder größere Exportkapazitäten entstehen.“ Dafür hätten die US-Konzerne zwar das nötige Kleingeld, sie bräuchten aber politische Stabilität und Investitionssicherheit.

Einzige Ausnahme: Chevron. „Aktuell hat nur ein einziger US-Konzern eine aktive Förderlizenz in Venezuela. Würden die US-Sanktionen aufgehoben, könnte dieser innerhalb von zwei Jahren bis zu 500 000 Barrel zusätzlich auf den Weltmarkt bringen.“ Aber auch das wäre bei einer globalen Förderung von rund 105 Millionen Barrel eher ein Tropfen auf dem heißen Stein. Dennoch könnte mehr Öl laut Linda Yu grundsätzlich ein Stück weit teurere Konkurrenz aus dem Markt drängen. Dazu gehört ausgerechnet texanisches Schieferöl. Denn seit Mitte der 2000er-Jahre erleben die USA einen zweiten Öl-Boom: Mittels Fracking werden ölhaltige Gesteinsschichten aufgebrochen, die davor als unzugänglich galten.

Neben der perspektivischen Erschließung der Ölvorräte sieht Marktanalystin Yu aber auch geostrategische Motive: „Ganz nach der Monroe-Doktrin will die US-Administration verhindern, dass rivalisierende Mächte wie China oder Russland ihren Einfluss in Lateinamerika ausweiten“. Denn China investiere stark in lateinamerikanische Häfen – und war der beste Öl-Kunde der Maduro-Regierung.

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