Klaus Josef Lutz im Jahr 2022 in der Baywa-Zentrale. Der extrovertierte Manager polarisierte mit seinem Führungsstil und politischen Aussagen. © Marcus Schlaf
München – Er ist eine der schillerndsten Personen der Münchner Geschäftswelt, nun werfen ihm Ermittler Untreue vor: Die Staatsanwaltschaft hat die Wohnung von Klaus Josef Lutz durchsucht, dem ehemaligen Chef der Baywa und aktuellen Präsidenten der IHK für München und Oberbayern sowie des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages. Die Staatsanwaltschaft München I bestätigte gegenüber unserer Zeitung, dass es wegen Ermittlungen im Zusammenhang mit Untreuevorwürfen rund um die Baywa zu einer Razzia bei Lutz gekommen sei. Ein persönlicher Sprecher von Lutz sagte, dieser kooperiere „vollumfänglich“ mit der Staatsanwaltschaft. Worauf sich die Untreue-Vorwürfe genau beziehen, beantwortete er nicht.
Der „Sonnenkönig“ von der Arabellastraße
Lutz leitete die Baywa von 2008 bis 2023 und wechselte dann nahtlos auf den Chefsessel des Aufsichtsrats. Er machte das Münchner Traditionsunternehmen mit auf Pump finanzierten Zukäufen zu einem globalen Agrarriesen und türmte dabei einen enormen Schuldenberg auf. Kritiker werfen ihm vor, den Konzern mit auf Parteibuch und persönlicher Sympathie basierenden Seilschaften in der Konzernzentrale in der Münchner Arabellastraße „wie ein Sonnenkönig“ regiert zu haben. Mit dem damaligen Baywa-Aufsichtsratschef und CSU-Politiker Manfred Nüssel setzte er beispielsweise riesige Zukäufe und Großprojekte durch. Kurz nachdem Lutz die Baywa im Streit verlassen hatte, kam der Agrarkonzern im Sommer 2024 in Finanzprobleme und schlitterte knapp an der Pleite vorbei. Weil der damalige Lutz-Nachfolger Marcus Pöllinger die Probleme der Baywa über Monate kleingeredet hatte, ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn und weitere ehemalige Verantwortliche der Baywa wegen Bilanzfälschung im Zusammenhang mit dem Geschäftsbericht für das Jahr 2023.
Lutz hatte erst vor Kurzem gegenüber unserer Zeitung betont, er sei nicht von diesen Ermittlungen betroffen. Bei der Baywa läuft allerdings parallel eine durch den Aufsichtsrat beauftragte interne Untersuchung. Dort geht es um mögliche Verfehlungen und unlautere Geschäftspraktiken in der Ära Lutz. Die Razzia der Staatsanwaltschaft steht möglicherweise im Zusammenhang mit Ergebnissen dieser Untersuchung. Die Durchsuchungen haben am Mittwoch um sechs Uhr morgens stattgefunden. Wer neben Lutz noch verdächtigt wird, ist bisher nicht bekannt. Insider sprechen von zehn weiteren Razzien, andere Quellen berichten von 18 bis 20 Hausdurchsuchungen.
Unklar ist auch, ob und wie die Durchsuchungen mit den jüngsten Turbulenzen bei der Baywa zusammenhängen. Erst am Freitag hatte der Aufsichtsrat Baywa-Chef Frank Hiller nach nur zehn Monaten im Amt mit sofortiger Wirkung vor die Tür gesetzt. Laut dem Aufsichtsrat lag das an mangelnder strategischer Kompetenz Hillers. Hillers Umfeld spricht dagegen davon, dass er zu forsch bei der Aufarbeitung der Lutz-Ära gewesen sei. Das habe manche langjährige Aufsichtsratsmitglieder gestört.
Lutz strebte weitere IHK-Amtszeit an
Lutz hat die IHK noch am Tag der Razzia informiert, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn Ermittlungen eingeleitet hat, „die nicht im Zusammenhang mit seinen IHK-Ämtern stehen“, teilte die Kammer auf Nachfrage mit. Der IHK-Präsident will seine Ämter vorerst ruhen und sich vertreten lassen – wegen der „zeitlichen Inanspruchnahme“ durch die Ermittlungen. Wer Lutz vertreten wird, ist noch nicht bekannt.
In diesem Jahr stehen Wahlen bei der IHK an. Lutz strebte dem Vernehmen nach eigentlich eine weitere Amtszeit an und soll vor Weihnachten die dafür nötigen Unterlagen abgegeben haben. Die IHK bestätigte das nicht, dementierte es aber auch nicht. Ob Lutz Mitte Februar auf der Kandidaten-Liste der IHK auftaucht, muss sich nach den aktuellen Ereignissen zeigen. Um noch einmal Präsident werden zu können, müsse Lutz außerdem zunächst wieder in die IHK-Vollversammlung gewählt werden, betont die IHK.