Daniel Metzler, Chef und Mitgründer von Isar Aerospace.
Die Spectrum-Rakete von Isar Aerospace wurde am Weltraumbahnhof im norwegischen Andøya schon an den Start gebracht. Heute um 21 Uhr soll sie abheben. Der Start wird live auf Youtube übertragen. © Fotos: Isar Aerospace
Andøya – Der erste Flug im März endete schon nach 30 Sekunden und damit früher als erhofft. Am heutigen Mittwoch startet Isar Aerospace nur zehn Monate später nun erneut eine Rakete Richtung Orbit. Klappt alles und spielt das Wetter mit, steigt die 28 Meter hohe Spectrum-Trägerrakete am norwegischen Weltraumbahnhof Andøya um 21 Uhr in den Himmel. Mit an Bord ist erstmals auch Last: ein Experiment und fünf Satelliten, unter anderem von der TU Berlin, der TU Wien und der Universität in Maribor.
Egal, wie lange der Flug dauert: Für Firmenchef Daniel Metzler, der Raumfahrt-Technik an der TU München studiert hat, ist es ein kometenhafter Aufstieg. „Früher dachten alle, Isar Aerospace ist nur ein Studentenprojekt“, erzählt der 33-Jährige über sein 2018 gemeinsam mit Markus Brandl und Josef Fleischmann gegründetes Start-up. Heute ist die junge Firma ein milliardenschwer bewerteter Hoffnungsträger für Europas private Raumfahrt und wird nicht nur von der europäischen Raumfahrtorganisation ESA und von Bayern Kapital unterstützt, sondern auch von den Risikokapitalfonds von Konzernen wie Porsche und Airbus. Mehrere Milliarden Euro an Aufträgen soll die Firma in Aussicht haben, mittlerweile sollen 60 Prozent davon militärisch sein. Dazu passt, dass 2024 sogar ein Investmentvehikel des transatlantischen Verteidigungsbündnisses Nato den Bayern Geld gegeben hat.
Raketen, die Satelliten und andere Dinge ins All bringen: Metzler sieht das nicht nur als Geschäft, sondern auch als strategisches Projekt für Europa. Was Erdbeobachtung, Navigation oder Weltraum-Wissenschaft betrifft, ist der alte Kontinent mit an der Weltspitze. Bei der Zahl der Raketenstarts ist er hingegen weit abgeschlagen und auf Kooperationen mit den USA und Elon Musks Raketenschmiede SpaceX angewiesen. 2025 gab es 330 Starts weltweit – 198 in den USA, 124 in Ländern wie China und nur acht in Europa. „Das kann nicht unser Anspruch sein“, meint Metzler. Europa, das sich bisher vor allem auf sein staatliches Ariane-Programm verlässt, brauche einen eigenen privatwirtschaftlichen Zugang ins All.
Diesen will Metzler mit Isar Aerospace schaffen. 450 Mitarbeiter hat das junge Unternehmen aus Ottobrunn bereits, in Parsdorf baut es gerade eine Fabrik für die Serienproduktion von Raketen. In den nächsten Jahren sollen dort einmal 40 Trägersysteme pro Jahr hergestellt werden. Damit würde die Firma des gebürtigen Österreichers die Raumfahrt in Europa nicht nur industrialisieren, sondern auch zu einem kleinen europäischen Pendant von Musks SpaceX aufsteigen. Dessen Falcon-Raketen heben allerdings im Schnitt jeden zweiten Tag in den Weltraum ab und können schwerere Lasten tragen. Trotzdem: Isar Aerospace sei „eine Riesenchance für Europa“, lobt auch der hochrangige ESA-Direktor Dietmar Pilz.
Über genügend Aufträge macht sich Metzler dabei keine Sorgen. „Wir könnten jeden Start im Moment 20 Mal verkaufen“, berichtet er. Das bestätigen auch Zahlen der Unternehmensberatung Roland Berger. Demnach dürfte sich der Umsatz mit Startrampen, Trägersystemen und Satelliten bis 2040 auf 264 Milliarden Euro vervierfachen. Nimmt man alle weltraumgestützten Geschäftsmodelle wie Navigation, Erdbeobachtung und Kommunikation hinzu, lockt ein Markt von zwei Billionen Euro – in dem Bayern kräftig mitmischen will. Laut der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft arbeiten im Freistaat bereits 38 000 Menschen in der Branche – vor allem bei Riesen wie Airbus Defence und Space. Aber es gibt auch Nachrücker wie Isar Aerospace oder die Rocket Factory Augsburg, die in diesem Jahr auf den Shetland-Inseln ihren Jungfernflug wagen will.
Isar Aerospace ist mit seinem zweiten Flug schon einen Schritt weiter. Metzler erwartet, am Mittwoch wichtige Daten zu sammeln – und würde dem Orbit gerne ein Stück näher kommen als letztes Mal. Ob das gelingt, kann man in einem Livestream auf Youtube verfolgen. Metzler wird den Start übrigens aus einem wenige Kilometer vom Startplatz entfernten Büro der Firma beobachten. „Von dort aus werde ich einer der Ersten sein, der unsere Rakete mit eigenen Augen am Himmel sieht“, hofft er.