Der US-Dollar gilt als die Reserve- und Leitwährung der Welt. Doch das Ansehen des Greenback hat Kratzer bekommen. © Alex Grec, Smarterpix
New York/München – Der Anlageriese Pimco, der schwedische Pensionsfonds Alecta oder der dänische Pensionsfonds Akademiker Pension: Inmitten des Grönland-Streits werfen immer mehr Großanleger US-Anleihen auf den Markt. Pimco will wegen der Unberechenbarkeit der US-Regierung sein billionenschweres Portfolio umschichten, Alecta baut seine acht Milliarden Dollar in US-Anleihen aus gleichem Grund ab, die Dänen verkaufen immerhin US-Anleihen für 100 Millionen Dollar. Zudem reduzieren viele Notenbanken den Dollar seit einiger Zeit als Reservewährung und setzen lieber auf Gold. An den Finanzmärkten spricht man deshalb von „Sell America“, dem Ausverkauf amerikanischer Wertpapiere.
Schulden als neues Druckmittel?
Seit Beginn der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump stehen US-Anlagen an den Börsen unter Druck. Amerikanische Aktien haben sich deutlich schlechter als europäische entwickelt, weil Investoren lieber im alten Europa als im Land der unbegrenzten Möglichkeiten investierten – ein seltenes Phänomen. Gleichzeitig verlor der Dollar in einem Jahr zum Euro über zehn Prozent an Wert und die Zinsen für US-Staatsanleihen stiegen. Der Grund: Eine immer unsolidere Finanzpolitik der US-Regierung und immer offenere Angriffe auf die Unabhängigkeit der US-Notenbank Fed. Das alles kratzt am Status des Dollar als weltweiter Leitwährung. Wegen des Grönland-Streits hat diese Abstimmung mit den Füßen weiter an Schwung gewonnen. Auch die Krisenwährung Gold, deren Preis in zwölf Monaten um 75 Prozent gestiegen ist, knackte am Mittwoch mit fast 4900 Dollar je Unze erneut einen Rekord.
In diese Gemengelage platzt nun die Debatte, ob die Europäer US-Schulden als Druckmittel einsetzen könnten, um Trump davon abzuhalten, sich Grönland unter den Nagel zu reißen. Ins Gespräch hat das unter anderem ein Analyst der Deutschen Bank gebracht. Europa sei der größte Kreditgeber der USA und habe acht Billionen Dollar in US-Anleihen und US-Aktien investiert, schrieb er. Das sei „eine entscheidende Schwäche“ Amerikas. Die Überlegungen des Analysten sind offenbar bis zu US-Finanzminister Scott Bessent durchgedrungen. Bessent habe Christian Sewing, den Chef der Deutschen Bank, angerufen und ihn gerüffelt, berichtet der Finanzdienst „Bloomberg“. Sewing habe sich daraufhin von seinem Analysten distanziert, heißt es.
Die Anekdote zeigt: Die Nervosität ist groß, auch die USA sind sich ihrer offenen Flanke bewusst. Ausländer halten etwa 30 Prozent der US-Staatsanleihen und 60 Prozent der US-Aktien. Kaufen sie keine Anleihen mehr, kommt das mit 38 Billionen Dollar verschuldete Land in Schwierigkeiten und müsste horrende Zinsen zahlen. Als risikolos wie einst gelten US-Schulden ohnehin nicht mehr. Und werfen Europäer ihre US-Aktien auf den Markt, würden deren Kurse abstürzen und damit die Altersvorsorge vieler Amerikaner leiden.
Der Dollar könnte weiter abstürzen
Doch ist so ein staatlich verordneter Käuferstreik überhaupt realistisch? Eher nein, glauben Experten wie Jürgen Michels, Chefvolkswirt der Bayern LB. Immerhin handle es sich bei den meisten US-Gläubigern um private Häuser wie Fondsgesellschaften oder Pensionskassen. „Und diese kann die EU nicht einfach anweisen, keine US-Papiere mehr zu kaufen“, sagt er. Selbst falls sie das möchte, wären dafür langwierige Regeländerungen nötig.
Was Michels aber beobachtet, ist ein genereller Vertrauensverlust in die USA, der auch die Kapitalströme erfasst hat: „Angesichts der Politik von Donald Trump fragen sich viele Großanleger, ob sie noch rechtssicher in den USA investieren können – und ziehen Kapital von dort ab.“ Das betrifft US-Aktien, die seit einem Jahr weniger gefragt sind als Unternehmensanteile aus Europa oder Asien. Aber es belastet auch den Dollar, der lange als sicherer Hafen in Krisenzeiten galt. Denn, so Michels: „Wer läuft schon einen Hafen an, wenn es dort lichterloh brennt?“
Die BayernLB erwartet deshalb einen weiter sinkenden Dollarkurs. Im Basisszenario rechnet sie mit einem Wertverlust zum Euro von fünf Prozent auf 1,22 Dollar je Euro in diesem Jahr und begründet das mit den Zweifeln an der Unabhängigkeit der Fed und perspektivisch sinkenden US-Zinsen. Trump übt seit seinem Amtsantritt Druck auf Fed-Chef Jerome Powell aus, bezeichnet ihn als „Hohlkopf“ und fordert Zinssenkungen. Der US-Präsident wird dieses Jahr einen Nachfolger für Powell einsetzen. Die Befürchtung: Dieser könnte eher auf die Launen Trumps als auf wirtschaftliche Erfordernisse achten und die Zinsen stärker als nötig nach unten drücken, was wiederum den Dollar belasten würde. „Eskaliert der Grönland-Streit weiter, ist aber auch ein Dollar-Einbruch um zehn oder 15 Prozent auf 1,30 oder 1,35 denkbar – und parallel ein Crash an den Aktienmärkten“, erklärt Michels.
Auch deutsche Sparer wären betroffen
Das hätte auch für deutsche Sparer Auswirkungen. Immer mehr Deutsche wagen sich an Aktien heran, vor allem Junge investieren oft über Indexfonds auf den MSCI World. Dort machen US-Aktien rund zwei Drittel aus, weshalb er besonders anfällig für Korrekturen ist. Und: Wegen der vielen US-Werte im Index spüren Europäer die Dollarschwäche schon jetzt schmerzhaft. In den letzten zwölf Monaten machte der Weltaktienindex rund 20 Prozent Gewinn, Europäern sind in Euro gerechnet aber nur sieben Prozent davon geblieben.
Ein kleines Trostpflaster gibt es jedoch: Michels weist darauf hin, dass auch Rohstoffe in Dollar gehandelt werden. Das trifft auf Kupfer oder Aluminium zu, aber auch auf Öl. Der schwache Dollar ist hier ein Vorteil für Europäer. „Schmiert der Dollar weiter ab, wird Tanken etwas erschwinglicher“, sagt Michels. „Schöntanken kann man sich die Weltlage aber wohl trotzdem nicht.“