München/Augsburg – Um die Wirtschaft anzukurbeln, sollen Arbeitnehmer mehr anpacken, fordert die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw). „Man kann einen Tag Urlaub streichen oder an die Tages- und Wochenarbeitszeit rangehen“, schlug vbw-Chef Bertram Brossardt in der „Augsburger Allgemeinen“ vor. Er knüpft dabei an eine Debatte an, die gerade Hochkonjunktur hat. Denn trotz Wirtschaftsschwäche fehlen in vielen Bereichen Fachkräfte, was die Krise verstärkt. So forderte auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) unlängst, jeder solle eine Stunde mehr pro Woche arbeiten. Auch ein Teilzeitverbot oder die Streichung von Feiertagen ist im Gespräch.
Glaubt man vbw-Chef Brossardt, hat die Streichung von Urlaubs- und Feiertagen einen klaren Effekt. Allein 2026 werde die Wirtschaftsleistung statistisch 0,2 Prozent höher ausfallen, weil drei Feiertage auf Wochenenden fallen, erklärte er. Dabei bezieht sich der Chef des Arbeitgeberverbandes offenbar auf eine Studie des arbeitgebernahen IW Köln. Das Institut kalkuliert, dass jeder gestrichene freie Tag der Wirtschaft zwischen fünf und 8,6 Milliarden Euro bringt. Denn wer mehr am Band steht, mehr im Büro sitzt oder seinen Verkauf länger öffnet, kann auch mehr produzieren, abarbeiten, umsetzen, so die Annahme.
Ob die noch in die moderne Arbeitswelt passt, ist jedoch umstritten. Während Busfahrer durch einen zusätzlichen Arbeitstag wohl auch mehr Jahreskilometer zurücklegen, könnten Mitarbeiter in Bürojobs Mehrarbeit einfach absitzen – besonders, wenn sie selbst gar nicht mehr arbeiten wollen. Auch empirisch ist der Nutzen von gestrichenen freien Tagen nicht klar belegt. So untersuchte das gewerkschaftsnahe IMK 30 konkrete Fälle, etwa die Streichung des Buß- und Bettages 1995 in einigen Bundesländern oder die Einführung des Weltfrauentags in Mecklenburg-Vorpommern 2023 – und fand kein klares Muster. „Die Gleichung: Wenn Feiertage wegfallen, steigt das Wachstum, geht offensichtlich nicht auf“, so die Forscher.
Nicht nur Gewerkschaften winken deshalb eher genervt ab, wenn es um Feiertags- und Urlaubsstreichungen, verordnete Mehrarbeit oder Teilzeitverbot geht. „Am Ende müssen die Menschen mehr arbeiten wollen, weil es sich für sie nachvollziehbar lohnt“, sagt Manfred Gößl, Chef der IHK für München und Oberbayern. Sein Credo: Leistung müsse sich mehr lohnen. Statt Verboten und Streichungen fordert Gößl deshalb bessere Anreize: „Unser Steuer- und Sozialsystem muss so überarbeitet und vereinfacht werden, dass sich Arbeitsaufnahme sowie mehr und längeres Arbeiten in jedem Fall auszahlen.“
Welche Anreize konkret helfen, hat die IHK bereits 2024 von den Ökonomen des ifo Instituts prüfen lassen. Ergebnis: Die Politik müsste viele Fehlanreize abbauen, die sie selbst erdacht hat. So würde die Abschaffung des Ehegattensplittings, die Abschaffung der Kombination der Steuerklassen III/V sowie das Ende der beitragsfreien Mitversicherung für Ehegatten zusammen 417 000 Vollzeitstellen bringen. All das war erdacht worden, damit sich Frauen um die Familie kümmern können, statt sich in Jobs stürzen zu müssen. 400 000 neue Betreuungsplätze für Kinder würden weitere 58 000 Arbeitskräfte freisetzen. Auch die frühen Renteneintritte bremsen den Arbeitsmarkt aus, bemängeln die Forscher. Eine Abschaffung der Rente mit 63, die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 69 Jahre und eine Erhöhung der Abschläge für Frührente würden sogar 810 000 Vollzeitkräfte mehr bringen.
Allein diese Maßnahmen könnten 1,3 Millionen Arbeitskräfte mehr in den Job bringen, bilanziert das ifo Institut. Für Bayern wären es um die 200 000, schätzt die IHK. „Das ist der große Ansatz und nur hier stecken die großen Hebel drin“, betont IHK-Chef Gößl. Bisher scheut die Politik heiße Eisen wie die Erhöhung des Rentenalters. Doch auch ein Flirt mit verordneter Mehrarbeit könnte riskant sein – und am Ende sogar die Teilzeitquote erhöhen statt für Wachstum zu sorgen: Bei einer Umfrage von Holidaycheck gaben jüngst jedenfalls neun von zehn Befragten an, ihre Urlaubstage seien ihnen wichtig. Sechs von zehn würden für Urlaub sogar auf Gehalt verzichten.