Deutschlands größter Gasspeicher in Rehden ist mal wieder fast leer.
München – Durch den kalten Winter haben die deutschen Gasspeicher ein historisches Tief erreicht: Aktuell sind sie nur zu 28 Prozent gefüllt, vor genau einem Jahr waren es noch über 50 Prozent, zeigt die Datenbank der europäischen Gasspeicherbetreiber (GIE). Am Donnerstag warnte Oskar Lipp, der wirtschaftspolitische Sprecher der AfD im Landtag, gar, dass es nur für 20 Tage reichen könnte. Denn: Rund 20 Prozentpunkte des Speichergases seien technisch gar nicht nutzbar. Deshalb, so die AfD-Forderung, sollte Deutschland eine strategische Reserve aufbauen und wieder Gas aus Russland kaufen. Doch wie ist die Lage wirklich?
„Selbst wenn der Winter noch einmal kalt wird, werden wir keine Gasmangellage bekommen“, erklärt Tobias Federico. Er ist Chef-Analyst beim gut informierten Energiedienst Montel Analytics. Das liege vor allem an den neuen LNG-Terminals, die wegen der Gas-Krise 2022 von der Ampel-Regierung angestoßen wurden. „Anfang 2026 hat Europa 40 Prozent seines Bedarfs aus Speichern gedeckt, 25 Prozent aus LNG-Lieferungen und 18 Prozent aus Norwegen.“ Der Rest kam laut Federico unter anderem aus Kasachstan, Libyen und Russland. Hier kaufen Länder wie Ungarn und die Slowakei noch ein.
„Wir könnten aber ein Preisproblem bekommen“, sagt der Analyst mit Blick auf die niedrigen Füllstände. Das hat vor allem mit dem Angebot zu tun: „Wegen des jüngsten Schneesturms haben sich die Gaspreise in den USA mehr als verdoppelt – und die sind unser wichtigster LNG-Lieferant“, so Federico. Das beeinflusse die Preise in Europa psychologisch. Tatsächlich sind die Preise von 27 Euro pro Megawattstunde (MWh) Ende Dezember auf 39 Euro Ende Januar gestiegen. Aktuell sind es 35 Euro. „In der Realität wird das ein Problem, falls wir Ende Februar, Anfang März eine Kältewelle in den USA, China und Europa bekommen“, erklärt Federico. „Dann haben wir in den USA hohe Preise, und Europa muss mit China um LNG-Lieferungen konkurrieren. Dann könnten wir noch mal eine Preisspitze um die 40 Euro pro MWh sehen.“
Das sei aber kein Vergleich zur Energiekrise 2022. Hier hatte Russland erst die Speicher der Gazprom Germania – die deutsche Tochter des kremlnahen Staatskonzerns – leerlaufen lassen und später vertragswidrig die Lieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 eingestellt. Durch den Schock stiegen die Gaspreise in Europa teilweise über 300 Euro. Der Effekt war so groß, weil die Bundesrepublik die wichtigsten Gasspeicher in der EU hat. „Deutschland hat mit 250 Terawattstunden rund ein Viertel der europäischen Gasspeicherkapazitäten“, so Montel-Analyst Federico.
Ironischerweise sind die ehemaligen Speicher der Gazprom Germania aktuell wieder ein Problem – obwohl die Gesellschaft im Juni 2022 enteignet wurde und jetzt unter dem Namen Sefe der Bundesrepublik gehört: „Ausgerechnet die Sefe, die sich in Staatsbesitz befindet, hat aktuell die leersten Speicher. In Rehden befindet sich ein Fünftel der deutschen Speicherkapazität – ist aber nur zu neun Prozent gefüllt.“ Seinem Namen „Securing Energy for Europe“, also „Energie für Europa sichern“, wird der Staatskonzern damit nur bedingt gerecht.
Auch die Bundesnetzagentur sieht keine Gasmangellage kommen: „Die inzwischen gut ausgebaute LNG-Infrastruktur in Deutschland und Europa ermöglicht neben der bestehenden und sicheren Hauptversorgung durch norwegisches Pipelinegas die notwendigen Importe nach Deutschland. Die Gasversorgung ist sichergestellt“, sagte Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur – und verweist auf den Markt: „Auch die Preise an den Großhandelsmärkten lassen keine Knappheiten erkennen, auch wenn sie zuletzt gestiegen sind.“
Wie aber kommt AfD-Mann Oskar Lipp darauf, dass nur ein Bruchteil der Speicher technisch verfügbar sei? Das scheint ein Missverständnis zu sein: „Ein Gasspeicher braucht eine gewisse Menge Gas, um den nötigen Druck zu erzeugen, das sogenannte Kissengas“, erklärt Montel-Analyst Tobias Federico. „Die technisch verfügbare Menge heißt Arbeitsgas. Und nur die wird bei allen Veröffentlichungen genannt. Die derzeit 28 Prozent Füllstand sind also voll nutzbar.“