Senkrechtstarter aus Ottobrunn

von Redaktion

Hoffnung für die gebeutelte Branche kleiner Elektroflugzeuge. Das Ottobrunner Start-up ERC hat erstmals öffentlich den Flug seines Prototypen gezeigt.

Das Start-up ERC arbeitet relativ geräuschlos am Projekt Elektroflugzeug. Jetzt ist auch der erste öffentliche Flug geglückt. © Fotos (3) Elias Jakob

Christian Müller-Ramcke, Vorstandsmitglied der DRF, sieht viele Vorteile beim Elektroflieger. Unter anderem ist er leiser und günstiger.

Ottobrunn – Der Hochlauf der acht Rotoren ist aus rund 200 Metern Entfernung deutlich wahrnehmbar. Doch bleibt er leiser als der Geräuschteppich eines herkömmlichen Flugzeugs. Man sieht, wie sich die gefederten Fahrwerksbeine von „Romeo“ strecken. Dann verlieren sie den Bodenkontakt. „Romeo“ steigt bis auf wenige Meter über die Piste des ehemaligen Erdinger Fliegerhorsts. Er zeigt – noch ohne Leitwerk und Propeller für den Horizontalflug –, dass das elektrische Fluggerät allein über die Ansteuerung der acht Rotoren navigieren kann, kehrt um, fliegt zum Startpunkt zurück und landet.

Eine kleine Strecke für ein Flugzeug, doch ein historischer Moment. Denn das Ottobrunner Unternehmen ERC zeigte erstmals einen Flug in der Öffentlichkeit. Bis zuletzt blieb offen, ob das klappt. Nicht aus technischen Gründen. Das dunstige Wetter und die Koordination mit Flügen am nahen Münchner Airport hätten den Flug scheitern lassen können.

Noch muss Romeo ferngesteuert werden. Erst ein späterer Prototyp soll die Genehmigung für bemannte Flüge bekommen. Doch das 2,5 Tonnen schwere Luftfahrzeug hat abgehoben. Eine gute Nachricht in einer Branche, deren Lufttaxi-Pläne zuletzt reihenweise gescheitert waren. „Wir haben das größte senkrecht startende Elektroflugzeug zumindest in der EU“, sagt Mitgründer und Firmenchef Daniel Löbl. Und es fliegt.

Was hat ERC besser gemacht als andere, deren Scheitern Löbl ausdrücklich bedauert? Zunächst einmal: Man hat jahrelang unbemerkt im Geheimen entwickelt, ohne die Werbetrommel zu rühren und mit nicht einhaltbaren Ankündigungen zu enttäuschen. Dann hat man mit dem Münchner Hightech-Dienstleister IABG und dessen Eigner Rudolf F. Schwarz einen sehr soliden Ankerinvestor an der Seite.

Anders als etwa bei Lilium bleibt man beim Personalaufbau vorsichtig. Nicht über 1000, sondern gerade einmal 60 Mitarbeiter hat ERC. Lilium hatte die Produktion bereits hochgefahren, als die Entwicklung noch lief. Schließlich ging es darum, in einem umkämpften Markt der Erste zu sein. ERC ist nicht mehr einer von mehreren, sondern der Überlebende. Das mindert den Druck. Für 2031 rechnet Löbl mit der Zertifizierung.

Und schließlich hat man ein Marktsegment identifiziert, an das andere nicht dachten. Den elektrischen Lufttransport von Kranken (siehe Kasten). Das könnte für verlässliche Nachfrage aus ganz Europa sorgen.

Wobei elektrischer Lufttransport nicht ganz richtig ist. Neben der Batterie haben die künftigen ERC-Flieger einen Verbrennungsmotor als Stromquelle an Bord, der die Reichweite von knapp über 100 auf 800 Kilometer steigert. Das ist notwendig, weil Klinik-Heliports kaum über Lademöglichkeiten verfügen.

Der Krankentransport ist nur ein mögliches Einsatzgebiet. Auch die Beförderung von bis zu vier Passagieren oder von Fracht ist denkbar. Und es gibt Pläne für Anwendungen – bemannt und unbemannt – im militärischen Bereich.

Mit Stückzahlen zwischen 200 und 400 Stück im Jahr rechnet Mitgründer und Vertriebschef Maximilian Oligschläger. Zur Flexibilität trägt die Konstruktion bei: Motoren, Batterien, Leitwerk und Flügel sind an zwei Längsträgern befestigt. Darunter passen unterschiedliche Kabinenvarianten.

Noch fehlen die Propeller und das Leitwerk für den sparsameren Horizontalflug. Doch der Beweis für die Start- und Landefähigkeit ist erbracht.

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