Aktionäre sehen Siemens auf Kurs

von Redaktion

Die gestrige Siemens-Hauptversammlung war die erste in Präsenz seit Corona. © Sven Hoppe, dpa (o.)/Frank Hörmann/IMAGO (u.)

Die Geschichte ist immer präsent – zumindest auf der Leinwand: Siemens-Chef Roland Busch erklärte den Aktionären, wie er den fast 180 Jahre alten Konzern ins KI-Zeitalter führen will.

München – Es war die erste Siemens-Hauptversammlung in Präsenz seit der Corona-Pandemie: Siemens hatte seine Aktionäre gestern erstmals seit dem Jahr 2020 wieder in die Olympiahalle nach München eingeladen, wenn auch gegen den Willen von Vorstand und Aufsichtsrat: Vor einem Jahr hatten die Siemens-Aktionäre gegen die Konzernspitze rebelliert und gegen einen Vorschlag gestimmt, die Hauptversammlungen virtuell durchzuführen.

Es war gestern damit auch das erste mal, das sich Roland Busch in seiner Rolle als Siemens-Chef in Präsenz den Fragen der Aktionäre stellen musste – 2020 hießt der Chef noch Joe Kaeser. Die Bühne in der Olympiahalle schien Roland Busch aber ganz gelegen zu kommen. Er nutzte seinen Auftritt, um den Aktionären an konkreten Beispielen seinen Digitalisierungs-Kurs zu erklären. Er nahm schuhkartongroße Bauteile in die Hand, vollgestopft mit Hightech, und zeigte sie dem Publikum. Teile, die beispielsweise in Fabriken die Fertigung steuern – manche zwischen 2,5 und 3,0 Millionen Dollar wert, wie Busch sagte. Er zeigte auch eine unscheinbare Box, die bei Audi in der Produktion eingesetzt wird und laut Busch in der Lage ist, dank Künstlicher Intelligenz (KI) 2000 Schweißnähte pro Minute auf ihre Qualität zu überprüfen – ein anschauliches Beispiel für den Digital-Kurs des Münchner Konzerns.

Denn das Geschäft von Siemens ist erklärungsbedürftig geworden. Vorbei die Zeiten, als Siemens Turbinen, Kraftwerke oder Waschmaschinen verkaufte. Lediglich die Sparte Mobility mit dem Bau von Zügen und Lokomotiven ist Teil der Siemens AG geblieben. Die neuen Kernsparten heißen aber Digital Industries und Smart Infrastructure.

Bei den Aktionären kommt die Strategie gut an: „Die Aufspaltung des alten Siemens-Konzerns war die richtige Entscheidung“, sagte etwa Ingo Speich von Deka Investment. „Die Trennung in die drei Unternehmen Siemens AG, Siemens Energy und Siemens Healthineers hat erheblichen Wert für uns Aktionäre geschaffen.“ Zuvor sei Siemens ein „Gemischtwarenladen“ gewesen. „Im abgelaufenen Geschäftsjahr hat Siemens mit 10,4 Milliarden Euro zum dritten Mal in Folge einen Rekordgewinn erwirtschaftet“, lobte Speich. Je Aktie erhalten die Anteilseigner 5,35 Euro an Dividende, 15 Cent mehr als im Vorjahr.

„Wer in die Bücher schaut, sieht ein Unternehmen, das liefert“, sagte Daniela Bergdolt von der Aktionärsvereinigung DSW. Sie mahnte aber auch: „Zufriedenheit darf nie in Bequemlichkeit umschlagen.“

Arne Rautenberg von Union Investment sprach von „Licht und Schatten“. Er verwies auf die positive Entwicklung der Siemens-Aktie, fragte aber auch: „Wo bleibt der Durchbruch bei der KI-basierten Automatisierung, der sich wirklich in den Zahlen materialisiert?“

Kritik gab es auch an der geplanten Trennung der Siemens-Healthineers-Beteiligung. Healthineers ist eigenständig, Siemens besitzt aber eine Mehrheit der Aktien. Busch hatte angekündigt, sich davon trennen zu wollen. Offen ist, ob dabei Steuern anfallen. Außerdem fehlt ein Zeitplan. Speich warnte vor einer „Hängepartie“, Rautenberg nannte das Verfahren „handwerklich schwach“.

Und noch einen Kritikpunkt gab es: Vorstand und Aufsichtsrat ließen über einen Antrag abstimmen, der es Siemens gestattet, Hauptversammlungen in der Regel virtuell durchzuführen. Dem Applaus nach zu urteilen, schien in der Olympiahalle Einigkeit darin zu bestehen, diesen Vorschlag abzulehnen. Die Anzahl der Personen im Saal spiegelt aber nicht die wahren Kapitalverhältnisse wider: Der Antrag ging durch, in den kommenden fünf Jahren dürfen vier Hauptversammlungen wieder als Fernseh-Show durchgeführt werden.

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