Freiflächen-PV-Anlagen sind die günstigste Form, eine Kilowattstunde Strom zu erzeugen. Sie müssen aber gleichmäßig im Land verteilt sein. © Marcus schlaf
Berlin – Das Bundeswirtschaftsministerium von Katherina Reiche (CDU) hat jüngst Vorschläge vorgelegt, um die Kosten beim Ausbau der Erneuerbaren Energien zu senken. Aktuell könne der Netzausbau häufig nicht mit dem Zubau solcher Anlagen Schritt halten. Die Netzbetreiber sollen daher „neue Instrumente und Freiheiten“ erhalten, „Netzanschlussbegehren“ zu priorisieren. In dem Entwurf heißt es, die aktuellen Regelungen zum Zubau der Erneuerbaren schafften „keine Anreize, Anlagenprojekte dort zu realisieren, wo der aus Erneuerbaren (EE) erzeugte Strom bestmöglich abgenommen und nutzbar gemacht werden kann“. Im Gegenteil: Die Betreiber von EE-Anlagen erhalten eine Entschädigung, wenn sie wegen Netzüberlastung keinen Strom einspeisen können – etwa in Gebieten, wo zu viele PV-Anlagen gleichzeitig mittags Strom liefern. Laut Referentenentwurf sollen solche Gebiete künftig als „kapazitätslimitiert“ ausgewiesen werden können – für Neuanschlüsse von EE-Anlagen sei dann keine Entschädigung mehr zu zahlen, heißt es. Zudem sollen Betreiber von Stromerzeugungsanlagen verpflichtet werden können, sich an den Kosten für einen Netzausbau zu beteiligen.
■ Kritik an Bremse
Das Unternehmen Naturstrom kritisierte den Entwurf: „Diese Regelung hat das Potenzial, den nötigen Ausbau der Erneuerbaren massiv einzubremsen.“ Sie könne jede vernünftige Projektkalkulation über den Haufen werfen. SPD-Sprecherin Nina Scheer erklärte, „Beschränkungen in Tempo und Menge“ beim Ausbau der Erneuerbaren könne Deutschland sich nicht leisten – ein beschleunigter Umstieg auf EE sei angesichts der Abhängigkeit von bestimmten Lieferländern „längst eine Frage der Energiesicherheit“.
■ Sorge um Ausbaustopp
Das Bundeswirtschaftsministerium will trotz der Pläne am Ziel festhalten, bis 2030 einen EE-Anteil von 80 Prozent im Stromsektor zu erreichen. Ob das mit Reiches Vorschlägen möglich ist, „wird stark von der konkreten Ausgestaltung der Maßnahmen abhängen“, sagt Professor Andreas Löschel. Der Ökonom leitet die Expertenkommission der Bundesregierung zum Monitoring der Energiewende. Er sagt: „Wir dürfen den Ausbau der Erneuerbaren nicht in der Gänze bremsen. Wir brauchen jetzt vor allem mehr günstige Erzeuger, also Freiflächen-PV und Windkraft an Land, und diese an der richtigen Stelle“.
Denn ohne Ausbau wird Strom teurer als nötig, zeigt etwa der aktuelle Versorgungssicherheitsbericht der Bundesnetzagentur. Sollte es beim geplanten Energiewendetempo bleiben, muss Deutschland bis 2035 neue Gaskraftwerke mit einer Leistung von nur rund 22 Gigawatt (GW) Leistung bauen. Die sind nötig, um Dunkelflauten zu überbrücken, aber teuer. Weil sich keine Investoren finden, müssen sie subventioniert werden. Zudem sind sie meist die kostspieligsten Stromerzeuger. Die Bundesnetzagentur hat berechnet: Wird der Ausbau der Erneuerbaren deutlich gebremst, bräuchte Deutschland rund 36 GW der teuren Kraftwerke.
■ Forderung: Mehr Markt
„Es ist gut, dass jetzt über die räumliche Verteilung der Erneuerbaren gesprochen wird“, sagt Andreas Löschel. Jedoch: „Aktuell wird viel über Einschränkungen für EE diskutiert. Das wäre aber zu kurz gesprungen, es braucht vielmehr einen systemischen Ansatz“, so der Ökonom. „Wir müssen auch Batteriespeicher und Verbraucher dazu denken und den Netzausbau weiter vorantreiben.“ Vereinfacht: Wo ein Batteriespeicher entsteht, sind PV-Überschüsse meist kein Problem mehr. Der Ökonom würde – wie viele seiner Fach-Kollegen, das System gerne ganz umkrempeln: „Die beste Lösung wären lokale Marktpreise. Dann wissen die Akteure besser, welchen Wert der Strom hat und welche Erzeugungsform, Speicher oder Verbrauchsanlage gebraucht wird und damit wirtschaftlich ist.“ Solche flexiblen Preissignale könnte es auch für die Netzentgelte geben, um deren Auslastung zu steuern. „Dann hätten wir einen weitgehend marktwirtschaftlich gesteuerten Ausbau und Betrieb“. Doch diese lokalen Strompreise sind politisch extrem unbeliebt. Trotz der enormen Unterschiede im Netz gilt deshalb überall in Deutschland derselbe Strompreis. „Eine andere Möglichkeit wäre es, Netzanschlüsse zu versteigern oder Anschlusskapazitäten zu handeln, um einen Netzanschluss gemeinsam bestmöglich auszunutzen“, so Löschel. Ein Experiment des Bayernwerks zeigt: Wind und Sonne liefern so selten zeitgleich Strom, dass sie leicht einen gemeinsamen Netzanschluss nutzen können. Solche Kombinationen würden nicht nur Anschlüsse sparen, sondern auch die Stromerzeugung diversifizieren. Damit könnte auch Windkraft in Bayern gefragter werden.MAS