München und sein Umland bleiben attraktiv. Dennoch wird auch der Freistaat an Bevölkerung verlieren. © oliver bodmer
München – Im Dezember des vergangenen Jahres hat das Statistische Bundesamt eine neue Vorausberechnung der Bevölkerung veröffentlicht. Bis zum Jahr 2070 dürfte die Bevölkerung in Deutschland um rund zehn Prozent schrumpfen. „Das ist deutlich mehr, als man bisher gedacht hat“, sagte gestern Wirtschaftsforscher Joachim Ragnitz vom ifo-Institut in Dresden gegenüber unserer Zeitung. Zuvor seien die Statistiker von einer weitgehend konstanten Entwicklung der Bevölkerung ausgegangen.
Grund für die Korrektur: Seit dem Jahr 2022 verfügt das Statistische Bundesamt über neue Zahlen aus dem Zensus. Geschätzt hatten die Statistiker aus Wiesbaden für dieses Jahr eine Einwohnerzahl von 83,2 Millionen, basierend auf Zensus-Daten von 2011. Nach der Zählung zeigte sich: Es sind nur 81,9 Millionen. „Das heißt, Deutschland hat weniger Einwohner, als man ursprünglich vorausberechnet hatte“, sagte Ragnitz. Offenbar gab es weniger Geburten und eine geringere Zuwanderung als vorhergesagt.
Das hat Folgen für die Vorausberechnung: Prognostizierten die Statistiker bisher ab dem Jahr 2032 eine Geburtenrate von 1,55 Kindern je Frau, waren es jetzt nur noch 1,47.
Auch die Schätzung für die Migration änderte sich: Die ältere Vorausberechnung sagte für das Jahr 2025 eine Netto-Zuwanderung von 450 000 Menschen voraus und ein Absinken auf jährlich 308 000 Migranten bis 2030. Die neue Berechnung geht zwar von einem Anstieg aus, von 225 000 im Jahr 2025 auf 250 000 im Jahr bis 2030. Aufsummiert sind das aber weniger Migranten als bisher geschätzt.
Ragnitz weist darauf hin, dass es sich bei der Vorausberechnung nicht um eine exakte Vorhersage handele. Vielmehr würde man Beobachtungen aus der Vergangenheit in der Zukunft fortschreiben. Es gebe zwar immer wieder unvorhergesehene Ereignisse wie die Flüchtlingsmigration 2015 nach dem Syrien-Krieg oder 2022 nach dem Ukraine-Krieg. Auch sei während der Corona-Pandemie die Geburtenrate kurzzeitig gestiegen. Sofern sich an den Rahmenbedingungen aber nichts ändere, ließe sich der langfristige Trend recht gut vorausberechnen, sagte Ragnitz.
Sollte Deutschland im Jahr 2070 tatsächlich nur noch etwas mehr als 70 Millionen Einwohner haben, sind die Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft erheblich, warnte Ragnitz: „Ein Bevölkerungsrückgang von zehn Prozent ist eigentlich nicht weiter schlimm, aber es ergeben sich daraus erhebliche Unterschiede in der Bevölkerungsstruktur und auch in der räumlichen Verteilung“, sagte der Ökonom.
Bevölkerungsstruktur heißt: Die Gesellschaft wird noch schneller älter als bisher gedacht. Das hat massive Konsequenzen für das deutsche Rentensystem, in dem die Jüngeren die Älteren finanzieren. Genauso trifft die Alterung der Bevölkerung die Gesundheits- und Pflegekassen. Ragnitz forderte daher Reformen, die die neuen Zahlen berücksichtigen.
Was Ragnitz mit räumlicher Verteilung meint, wird klarer, wenn man sich die Vorausberechnung der Bevölkerung in den einzelnen Bundesländern anschaut (siehe Tabelle): So schrumpft in Ostdeutschland die Bevölkerung in vielen Regionen bis 2070 um mehr als ein Viertel. In prosperierenden Stadtstaaten wie Hamburg und Berlin dürften dagegen in Zukunft mehr Menschen leben. „Auch in Gegenden um München und Frankfurt werden wir weiterhin einen Bevölkerungszuwachs sehen“, sagte Ragnitz.
Die Konsequenz: In den Ballungsräumen ist nicht mit einer Entspannung am Wohnungsmarkt zu rechnen, hier müssen laut Ragnitz weiter neue Wohnungen gebaut werden – während Immobilien in vielen ländlichen Gebieten drastisch an Wert verlieren. Der ifo-Ökonom warnte: „Meine Sorge ist, dass die Politik die neue Bevölkerungsprognose nicht wirklich ernst nimmt und nichts gegen die unangenehmen Konsequenzen unternimmt.“