München/Berlin – Nach der Verzögerung bei der Sanierung der Bahnstrecke Hamburg–Berlin mehren sich unter Fachleuten die Zweifel, ob das Konzept der sogenannten Korridorsanierungen noch tragfähig ist. In scharfer Weise rechnet nun der Verband Mofair, der die privat organisierten Bahnbetreiber wie Transdev, Arverio und Flixtrian vertritt, mit der Deutschen Bahn ab. „Keine der gemachten Versprechungen ist bisher eingehalten worden“, heißt es in einem Schreiben von Mofair vom Montag an den Aufsichtsrat der DB InfraGo. Es liegt unserer Zeitung vor. Der Aufsichtsrat wird darin aufgefordert, „Fahren und Bauen“ wieder „in das notwendige Gleichgewicht“ zu bringen.
Nach dem Pilotversuch Frankfurt–Mannheim 2024 und der eher kleineren Sanierung Emmering–Oberhausen ist Hamburg–Berlin die erste richtig große Sanierung mit Kosten von 2,2 Milliarden Euro – wahrscheinlich sogar mehr. Dass die Bahn aufgrund des strengen Frosts das Projekt nun über den 30. April um mindestens einige Wochen verlängert, ärgert Mofair. Man habe vor den „recht vollmundig gemachten Versprechungen“ seit Langem gewarnt, heißt es in dem Brief. Aufgelistet werden darin zahlreiche Schwachstellen des Konzepts: So würden bei der Strecke Hamburg–Berlin Brücken nicht ertüchtigt, viel weniger Überleitstellen als zunächst geplant eingebaut und auch das Zugsteuerungssystem ETCS nicht eingebaut. Daher werde das „Baufreiheitsversprechen“ – dass die Strecke nach der Sanierung also mindestens fünf Jahre ohne neue Baustellen funktionieren werde – „immer mehr ausgehöhlt“ und erneute Vollsperrungen wahrscheinlich. Zudem drohten „die Kosten weiter aus dem Ruder zu laufen“. Am Dienstag legten die Regierungschefs der fünf Nord-Bundesländer und Stadtstaaten nach. Sie beschwerten sich in einem Brandbrief direkt bei Bahnchefin Evelyn Palla. Die „Informations- und Koordinationslücke“ sei „schädlich“. Sämtliche Mehrkosten für die Verzögerung müssten von der Bahn übernommen werden.
In dem Mofair-Schreiben wird zudem eine Berechnung der volkswirtschaftlichen Effekte einer Totalsperrung verlangt. Bisher müsse die DB InfraGo nur nachweisen, dass eine Totalsperre günstiger sei als Bauen „unterm rollenden Rad“. Doch die Auswirkungen auf Bahnkunden und den regionalen Bahnverkehr würden nicht erfasst. Mofair rechnet damit, dass die eigentlich ab Mai geplante nächste große Baustelle (Hamburg–Hannover) verschoben werden muss, weil sie den Umleitungsverkehr von Hamburg–Berlin zum Teil weiterhin aufnehmen muss. Die Probleme für Nagl werden dadurch nicht kleiner. 35 weitere Korridorsanierungen sind bis 2036 noch geplant. Das von ihm verfolgte – manche sagen: gegen interne Kritik durchgepeitschte – Konzept wird auch in Bayern scharf kritisiert. Hier drängt das Verkehrsministerium seit Monaten darauf, statt der für 2027 und 2028 geplanten Totalsperrung der Strecke München–Rosenheim–Salzburg wie früher üblich Bauen mit nur einem gesperrten Gleis zu ermöglichen. Bisher ist jede Kritik verpufft.DIRK WALTER