Ab 2029 könnten Stromerzeuger mehr Verantwortung tragen. Sie sollen sich mehr nach dem Bedarf richten – und vielleicht sogar das Netz mitbezahlen. © IMAGO/imageBROKER/Lilly
Bonn – Es brodelt schon länger: Mit ihrem „Agnes“-Prozess sucht die Bundesnetzagentur bereits seit Monaten Wege, die Last der steigenden Netzentgelte gerechter zu verteilen. Denn heute wird die Infrastruktur fast nur von Verbrauchern bezahlt, nicht von den Erzeugern. Dafür hat die Behörde diese Woche eine Reihe konkreter Vorschläge präsentiert, berichtet das Fachmagazin „Energate“. Wir zeigen, worum es geht.
■ Netzkosten steigen
Das Thema ist heikel: Je nach Tarif machen die Netzentgelte rund ein Viertel des Strompreises pro Kilowattstunde für Haushalte aus. Und diese Kosten steigen: Weil perspektivisch durch E-Autos, Wärmepumpen und Gewerbe mehr Leistung aus dem Netz gebraucht wird, muss es ausgebaut werden. Daneben werden mehr Kabel-Kilometer gebaut, weil immer mehr Windräder und Freiflächen-PV-Anlagen angeschlossen werden. Weil die Elektrifizierung von Wohnen und Verkehr langsamer vorankommt als geplant, können die entstehenden Kosten nicht auf genug verbrauchte Kilowattstunden umgelegt werden – damit steigt der Preis pro Kilowattstunde.
■ Engpässe stören Markt
Dazu kommen die Kosten für das Engpassmanagement. Vereinfacht: Kann ein Kraftwerk – oft Wind oder Solar – wegen Netzengpässen nicht einspeisen, werden die Kilowattstunden trotzdem vergütet. Im Gegenzug müssen in Regionen mit Unterdeckung oft Gaskraftwerke aktiviert werden. Das Phänomen entsteht oft, weil der Markt aktuell nicht zum deutschen Stromnetz passt. Dieses ist mangels großer Übertragungsleitungen nur schwach verbunden. Weil aber Wirtschaft und Politik einen einheitlichen Preis wünschen, bieten alle Erzeuger auf demselben Großmarkt. Kann dann ein Windstromgebot von der Küste die Nachfrage in Bayern physisch nicht erreichen, wird das über das Engpassmanagement, in diesem Fall Redispatch genannt, ausgeglichen. Die Kosten für diese Maßnahmen werden auf die Netzentgelte umgelegt. Das Problem: Durch die pauschale Verteilung erhält niemand ein Marktsignal, sich systemdienlich zu verhalten.
■ Pläne für Erzeuger
Die Bundesnetzagentur will die Erzeuger jetzt mit drei möglichen Maßnahmen in die Verantwortung nehmen. Auf jeden Fall will sie Anreize setzen, eher nach dem realen Bedarf einzuspeisen. Der Plan: Ein dynamisches Netzentgelt pro eingespeister Kilowattstunde. Ist das Netz überlastet, wäre es hoch. Bräuchte das Netz Strom, wäre es niedrig. So hätten etwa die Betreiber von PV-Anlagen Anreize, in einen Batteriespeicher zu investieren. Dieser Plan soll laut Netzagentur auch für Bestandsanlagen gelten. „Die dynamischen Netzentgelte sind das Herz der Reformpläne. Die werden auch ziemlich sicher kommen“, sagte Energate-Redakteur Ron-David Heinen unserer Zeitung. „Unklar ist noch wie und in welcher Höhe.“ Der Vorschlag: Die Kosten für das Engpassmanagement sollen zu gleichen Teilen auf Verbraucher und Erzeuger verteilt werden. Als Ergänzung hierzu fordern viele Ökonomen: Lokale Strompreise, die den realen Bedarf zeigen und Erzeugern und Verbrauchern entsprechende Signale senden. Zusammen könnten echte Preissignale Engpassmanagement weitgehend überflüssig machen und den Ausbau steuern, argumentieren sie. Das ist aber eben politisch unwahrscheinlich.
Zusätzlich zum Engpassmanagement könnte die Bundesnetzagentur die Erzeuger an den Netzinvestitionen beteiligen. Die Vorschläge: Entweder eine Gebühr von 4 bis 7 Euro pro Kilowatt Anschlussleistung und Jahr oder einen einmaligen Zuschuss. Ob und in welcher Höhe diese Gebühren eingeführt werden, wird im Laufe des Jahres geklärt – auch in Absprache mit der Branche. Wichtig: Private PV-Anlagen und alle Batteriespeicher wären nicht betroffen.MATTHIAS SCHNEIDER