ENERGIEMÄRKTE IM FOKUS

Verkehrte Welt beim Brennstoff

von Redaktion

Ölpreise steigen trotz Überversorgung, Gaspreise trotz leerer Speicher stabil

Russiches Öl und Gas stehen unter Sanktionsdruck. Das zeigt Wirkung. © Yuri Kochetkov, dpa

München – An den Brennstoff-Märkten zeigt sich ein gespaltenes Bild. Während die Heizölpreise zum Wochenende kräftig stiegen, spürt der Kreml die Sanktionen: Durch die gesunkenen Öleinnahmen könnten Anfang 2027 Geldreserven im nationalen Wohlstandsfonds aufgebraucht sein, vermutet die Beratungsagentur Finam.

■ Öl

Während ein Barrel Brent zum Mehrjahrestief am 16. Dezember 2025 noch für 59 US-Dollar gehandelt wurde, waren es gestern 71. „Auslöser der jüngsten Preisspitzen war die weitere Zuspitzung des Konflikts zwischen Teheran und Washington“, berichtet Linda Yu, Analystin bei der DZ Bank. „Die US-Administration hat mit einem Militärschlag gegen den Iran gedroht, sollte dieser den Forderungen bezüglich seines Atomprogramms nicht nachkommen.“ Aktuell laufen Verhandlungen in Genf. Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, hatten die iranischen Streitkräfte Anfang der Woche kurz die Straße von Hormus blockiert. Diese Meerenge verbindet den Persischen Golf mit den Weltmeeren. „Die starke Reaktion der Anleger erscheint angesichts dessen gerechtfertigt, fließen doch rund 20 Prozent des globalen Ölverbrauchs durch das Nadelöhr“, so Yu. Sollte es tatsächlich zum Krieg am Golf kommen, seien „kurzfristige Preisspitzen von bis zu 80 bis 90 US-Dollar für Brent“ möglich. Die Sorgen schlugen sich zuletzt am Heizölmarkt nieder: Die Preise für einen Liter (bei 3000 Litern Bestellung in München) stiegen seit Dienstag von 91 auf 97 Cent. Das könnte übertrieben sein. Denn trotz aller Risiken ist der Markt gut versorgt, so Linda Yu. Ohne Störungen in der Lieferkette dürfte sich das an den Preisen zeigen: „Für die kommenden Monate erwarten wir eine volatile Seitwärtsbewegung im Bereich von 65 Dollar je Barrel. Ab der Jahresmitte dürfte dann der Angebotsüberhang den Preis wieder in Richtung 60 Dollar je Barrel drücken.“

Indes profitiert Russland nur mäßig von den gestiegenen Ölpreisen: Wie Daten des Marktspezialisten Argus Media zeigen, muss der Kreml seit November erhöhte Abschläge hinnehmen. Zum einen erhöhen die G7-Staaten den Druck auf Käufer und Transporter. Zum anderen hat US-Präsident Donald Trump Sanktionen gegen die beiden größten russischen Ölkonzerne eingeführt – und Indien wegen der Käufe Zollstrafen angedroht. Das scheint zu wirken: Laut Nachrichtendienst Crea reduzierte Indien die Einfuhren bereits im Dezember um 29 Prozent, im Januar um 12 Prozent. Dafür kauften China und die Türkei mehr – konnten die Ausfälle aber wohl nicht ganz ausgleichen.

■ Gas

Die Gasspeicher sind historisch leer: Nur 22 Prozent nutzbare Füllmenge halten sie, vor einem Jahr waren es 38. Blickt man allerdings auf die Preise, ist das Bild entspannt: kurzfristige Gaslieferungen werden in Europa gerade für 33 Euro pro Megawattstunde (MWh) gehandelt. Vor einem Jahr waren es 43 Euro. Der Grund: Deutschland wird inzwischen reichlich über Flüssiggas versorgt. Die Bedeutung der Speicher sinkt so sehr, dass einige Betreiber kein Geschäftsmodell mehr darin sehen. Bislang scheint auch der Konflikt am Persischen Golf kaum Unruhe auszulösen. Dabei könnte ein Militärschlag der USA den Preis kurzfristig auf „60 bis 70 Euro“ pro Megawattstunde treiben, so Linda Yu. Auch das ganz große Damoklesschwert scheint der Markt derzeit nicht einzupreisen: Das meiste Flüssiggas kommt aus den USA – deren Präsident Wirtschaftssanktionen auch gegen Verbündete einsetzt. Und der norwegische Brennstoff kommt über Pipelines am Meeresgrund – relativ anfällig für Sabotageakte. Das Risiko scheint gering, die Wirkung wäre fatal: Im Winter 2022/23 hatte die Angst vor einem physischen Gasmangel die Preise auf über 300 Euro pro MWh getrieben. Spannend dürfte deshalb der kommende Winter werden: Wenn die Händler erneut keine hohen Winterpreise erwarten, werden sie die leeren Speicher kaum füllen. Und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant einen staatlichen Mechanismus laut „Handelsblatt“ erst für den Winter 2027/28.

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