Schweden ist nicht nur ein Urlaubsidyll und bei Studenten beliebt, sondern auch was Reformen angeht ein Vorbild in Europa, sagt die IHK. Hier: Stockholm. © Smarterpix
München – Mehr Wachstum, höhere Renten und zufriedenere Bürger: Im Norden Europas läuft es. Während die deutsche Wirtschaft von 2019 bis 2025 leicht geschrumpft ist, wuchs sie in Schweden insgesamt um rund fünf Prozent und in Dänemark sogar um mehr als neun Prozent – trotz Pandemie, Urkaine-Krieg und Trump-Zöllen. Kann sich Deutschland da etwas abschauen?
Ja, glaubt Manfred Gößl. „Auf den Spitzenplätzen in Europa bei Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Innovation, soziale Absicherung oder Bildung geht, findet man immer wieder die Skandinavier“, sagt der Chef der IHK für München und Oberbayern. „Wieso machen wir es nicht wie im Spitzensport und lernen von Besseren?“ Die nordeuropäischen Sozialstaaten seien in den 1990ern in Schieflage geraten, damals habe man aber die richtigen Schlüsse gezogen und Reformen eingeleitet. „Seither haben uns die Skandinavier überholt“, so Gößl. Vor allem in drei Bereichen könne man sich ein Beispiel nehmen, glaubt er: dem Arbeitsmarkt, der Bürokratie und der Altersvorsorge.
■ Bürokratie
Faxgeräte, doppelte Durchschläge und endlose Verfahren, bei denen die eine Hand nicht weiß, was die andere tut: Die deutsche Bürokratie ist Legende. Wer sehen möchte, wie es besser geht, solle nach Schweden und Dänemark blicken, rät IHK-Chef Gößl. „Dort hat man die Datenschutzvorschriften der EU eins zu eins umgesetzt, statt sie wie bei uns noch zu verschärfen.“ Die Folge: In Schweden tauschen Behörden und deren Abteilungen Daten untereinander aus, statt sie wie bei uns Amt für Amt und Vorgang für Vorgang neu zu erheben.
„Das spart unendlich viel Zeit, Geld und Nerven“, sagt Gößl, der das Thema schon 2024 durch die Ökonomen des ifo-Instituts untersuchen ließ. Ergebnis: Würde Deutschland seine Verwaltungskosten durch Digitalisierung wie in Dänemark drücken und die Bürokratie auf ein vergleichbares Niveau wie Schweden zurückbauen, würde die deutsche Wirtschaftsleistung um bis zu 150 Milliarden Euro pro Jahr steigen.
■ Arbeitsmarkt
Den Arbeitsmarkt flexibler gestalten, ohne nur die Axt an die soziale Sicherung zu legen? Das geht, sagt Gößl und verweist auf Dänemark. Dort habe sich das Flexicurity-Modell seit den 1990ern bewährt. Sind dänische Firmen in Problemen, können sie Mitarbeiter schneller entlassen. Diese erhalten dafür bis zu 90 Prozent ihres vorherigen Lohnes von der Arbeitslosenversicherung, statt 67 Prozent wie in Deutschland. Gleichzeitig gebe es verbindliche Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen, um Arbeitslose schnell in neue Jobs zu bringen. Das dänische Modell habe Vorteile für alle, glaubt Gößl. „Start-ups können sofort Belegschaft aufbauen und in der Wirtschaft gibt es eine bessere Arbeitskräftewanderung von kriselnden Bereichen in Zukunftsbranchen.“ Das gebe auch Arbeitnehmern bessere Perspektiven – zumal Dänemark besser fördere als Deutschland. „Auch die OECD empfiehlt Flexicurity als geeignetes Mittel zur Steuerung des Arbeitsmarktes und der Belebung der Wirtschaft“, so der IHK-Chef. „In Deutschland verlieren wir uns aber im Klein-Klein und diskutieren über die Streichung eines Feiertages und Zahnarztkosten.“
■ Altersvorsorge
Dass das Rentensystem wegen der Demografie an seine Grenzen kommt, ist schon lange klar. Doch während Deutschland seit Jahren hitzig Reformen diskutiert, hat sie Skandinavien schon umgesetzt. Dänemark hat 2025 das Rentenalter an die Lebenserwartung gekoppelt, nun wird es bis 2040 auf 70 Jahre hochgesetzt. „Auch bei uns ist die Kopplung an die Lebenserwartung unvermeidbar“, glaubt Gößl. Schweden zapft zudem seit den 1990ern den Kapitalmarkt für die Altersvorsorge an. Dort fließen 2,5 Prozentpunkte des Rentenbeitrags in einen staatlichen Pensionsfonds oder ein selbst gewähltes Anlageprodukt. „Das ist einer der Gründe, weshalb das Rentensystem stabil ist und es den Rentnern dort finanziell besser geht“, so Gößl. Deutschland debattiere dagegen endlos über ähnliche Maßnahmen. Aktuell bastelt die Bundesregierung zwar an einem Altersvorsorgedepot, doch das dürfte viel komplizierter als das schwedische Pendant werden.
Insgesamt wünscht sich Gössl, der heute beim Spitzengespräch der Internationalen Handwerksmesse in München Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) trifft, mehr Pragmatismus. „Es gibt gute Vorbilder für Reformen, viele Maßnahmen haben sich in Nordeuropa in der Praxis bewährt“, sagt er. „Wir Deutschen neigen aber leider dazu, das Rad neu erfinden zu wollen – nur dann eben mit eckigen Reifen.“ Die Politik dürfe aus Angst vor den Wählern nicht zurückschrecken. Gute Änderungen kämen den Bürgern letztendlich zugute.