Frachter im Fadenkreuz: Gestern veröffentlichte die thailändische Marine dieses Foto eines brennenden Handelsschiffes in der Straße von Hormus. Die iranischen Revolutionsgarden bestätigten den Beschuss zweier Schiffe. © AFP
München – Der Mega-Stau in der Straße von Hormus lähmt die Weltwirtschaft, der Nachschub an Öl und Gas stockt. Schiffsbesatzungen bangen um ihr Leben. Gestern gab es Berichte, wonach zwei weitere Handelsschiffe durch den Iran beschossen worden sind. Deutsche Reedereien fordern nun den Einsatz von Militärschiffen zum Schutz der Handelsflotte.
„Eine internationale Schutzmission in der Straße von Hormus ist aus unserer Sicht absolut notwendig“, sagte Martin Kröger, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Reeder (VDR) unserer Zeitung. „Das heißt, man muss Militärschiffe in die Region entsenden, die dafür sorgen, dass Raketen und Drohnen abgefangen werden.“ Handelsschiffe müssten die Region verlassen können, ohne unter Beschuss zu geraten.
Insgesamt sind nach Angaben des Verbands aktuell mehr als 2000 Schiffe im Persischen Golf festgesetzt, darunter mindestens 30 deutsche Schiffe. „Viele davon sind in Häfen, einige ankern davor. Dort sind sie der ständigen Gefahr ausgesetzt, durch Raketen oder Drohnen beschossen zu werden“, sagte Kröger. Die iranische Nationalgarde habe angekündigt, jedes westliche Schiff zu beschießen, das durch die Straße von Hormus fährt. „Wir haben Kenntnis von 16 Schiffen, die beschossen worden sind, teilweise gab es auch Tote und Verletzte.“
Wer am Ende für den Schutz der Handelsflotte sorgt, spielt aus Sicht der Reeder keine Rolle. „Ob das die Amerikaner allein machen oder sich am Ende auch europäische Marineschiffe mit der Deutschen Marine beteiligen, ist zweitrangig“, sagte Kröger. Selbst eine Beteiligung der Chinesen und der Inder sei denkbar.
Am Montag hatte der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis im Beisein des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron erklärt, er werde bei EU-Staaten dafür werben, die bereits laufende Mission „Aspides“ zu stärken. „Aspides“ läuft seit Februar 2024, um insbesondere im Roten Meer zivile Schiffe vor Beschuss durch die aus dem Jemen operierenden Huthi-Milizen zu schützen. Theoretisch reicht das Einsatzgebiet bis in die Straße von Hormus.
Die Bundeswehr ist Teil dieser Mission, sie hatte ihr Engagement in den vergangenen Jahren aber zurückgefahren. „Der Schwerpunkt des deutschen Beitrags liegt derzeit in der Gestellung von Stabspersonal für die operativen und taktischen Führungselemente sowie luftgestützter Aufklärung“, erklärte gestern ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Das Mandat umfasst auch den Einsatz einer Fregatte, aktuell ist aber kein deutsches Marine-Schiff Teil der Mission.
Denkbar wäre, dass das Mandat nun ausgereizt wird. „Unsere Absicht ist es, den Beitrag der deutschen Streitkräfte in Abhängigkeit der Lageentwicklung und der erforderlichen Fähigkeiten kontinuierlich fortzuführen“, so der Sprecher. Das würde „sehr eng“ mit den Partnern und der EU abgestimmt. Übersetzt heißt das: Konkret geplant ist nichts, kann aber sein, dass da noch was kommt. Der Sprecher versicherte aber, dass die Bundesregierung derzeit keine Einsätze jenseits der bestehenden Mandate erwägt.
Von den Amerikanern, die gemeinsam mit Israel Krieg gegen den Iran führen, können die Reeder auch keine Hilfe erwarten. Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Insider berichtete, hält das US-Militär Eskorten von Handelsschiffen durch die Straße von Hormus derzeit für zu riskant.
Ganz anders klang das am Dienstagabend: US-Energieminister Chris Wright hatte in einem Tweet einen angeblich erfolgreichen Geleitschutz der US-Marine für einen Öltanker durch die Straße von Hormus gemeldet. Sofort verbilligte sich an den Märkten das Fass Rohöl – allerdings handelte es sich um eine Falschnachricht: Das Weiße Haus stellte später klar: die US-Marine habe „bislang keinen Tanker oder ein anderes Schiff eskortiert“.
Damit fehlen insbesondere asiatischen Ländern weiterhin Öl- und Gaslieferungen. „In Friedenszeiten passieren etwa 100 Schiffe die Straße von Hormus – und zwar pro Tag“, sagte Reeder-Chef Martin Kröger. Aber selbst jetzt gibt es offenbar noch einige wenige Kapitäne, die mit ihren Schiffen die etwa 50 Kilometer breite Meerenge passieren. „Meist Schiffe, die der russischen Schattenflotte oder dem Iran zugerechnet werden und dazu dienen, Öl zu transportieren“, sagte Kröger.
Auch einige griechische Reeder schicken ihre Tanker offenbar durch die Engstelle. „Griechische Schiffseigner sind schon einzigartig. Wenn sie eine Gelegenheit wittern, Geld zu verdienen, dann nutzen sie sie“, sagte Schifffahrtsexperte Sal Mercogliano der „FAZ“. „Wenn sie plötzlich Frachtraten von 750.000 Dollar am Tag statt 50.000 Dollar erzielen können, dann können sie es sich als Reeder auch leisten, philippinischen oder indischen Crews einige Hunderttausend Dollar zusätzlich zu zahlen. Dafür riskieren diese ihr Leben.“SEBASTIAN HÖLZLE