Erntezeit: Agravis will auch Ernten von Genossenschaften abnehmen. Der Schwerpunkt liegt aber auf dem Großhandel mit Saatgut, Dünger, Pflanzenschutz. © Thomas Plettenberg
München/Münster – Agravis aus Münster will im Kernland des Münchner Konkurrenten Baywa wildern. „Wir möchten in Zukunft mehr mit Kunden im Süden Deutschlands zusammenarbeiten“, kündigt Agravis-Chef Dirk Köckler unserer Zeitung an. „Dafür gehen wir auf die Genossenschaften zu – das haben wir so bisher noch nicht gemacht.“ Erste bayerische Kunden habe die Agravis bereits an Land gezogen, berichtet er. „Diese Partnerschaften wollen wir nun intensivieren und weitere hinzugewinnen.“ Agravis geht es dabei vor allem um den Großhandel mit Saatgut, Düngemittel und Pflanzenschutz, das Franchise für Raiffeisenmärkte sowie um den Ankauf der Ernte als Großhändler.
Der Agrarhandel in Deutschland ist traditionell geteilt: Im Norden und Osten ist die aus Münster stammende Agravis stark. Sie ist genossenschaftlich organisiert, macht acht Milliarden Euro Jahresumsatz und erzielt 95 Prozent ihres Geschäfts in Deutschland, vor allem zwischen der niederländischen und der polnischen Grenze. Über 60 Prozent der Agravis-Aktien gehören landwirtschaftlichen Genossenschaften, der Rest Dutch Agro aus den Niederlanden, Mitarbeitern und Bauern. In Bayern und Baden-Württemberg dominiert dagegen die deutlich größere Baywa. Der börsennotierte Konzern, hinter dem genossenschaftliche Banken stehen, steckt allerdings in einer tiefen Krise. 2024 schrammte er knapp an der Pleite vorbei. Agravis-Chef Köckler streckte in dieser Zeit das erste Mal die Fühler nach Bayern aus. „Baywa-Kunden haben sich bei uns gemeldet, weil sie verlässliche neue Partner suchen“, berichtet Köckler. Seither hat Agrarvis mit einem guten Dutzend Genossenschaften aus Süddeutschland Geschäftsbeziehungen aufgebaut.
Mit welchen bayerischen Partnern Agravis Geschäfte macht, möchten die Münsteraner nicht verraten. „Wir zielen auf alle genossenschaftlichen Kunden in Süddeutschland“, betont Köckler. Agravis biete zudem die Möglichkeit, sich über das Zeichnen vinkulierter Namensaktien am Unternehmen zu beteiligen. „Am Direktgeschäft mit den Landwirten haben wir aber kein Interesse, da wir keine Konkurrenz zu den Genossenschaften vor Ort aufbauen wollen.“ Aus Branchenkreisen heißt es, dass unter anderem die RWG Erdinger Land oder die BAG Hohenlohe, aber auch kleine Genossenschaften wie die WBR Rupertiwinkel im Berchtesgadener Land mit Agravis kooperieren. Geht es nach Köckler, ist das aber erst der Anfang: Das Unternehmen wirbt mit eigenen Roadshows im Süden offensiv um bayerische Kunden und spricht diese gezielt direkt an.
Der Schwerpunkt der neuen Tätigkeiten im Freistaat liegt auf dem Großhandel mit Betriebsmitteln wie Saatgut, Futtermittel, Tierbedarf, Dünger, Pflanzenschutz oder Folien. Hierfür will Agravis die Infrastruktur im Süden ausbauen und stellt Personal ein – unter anderem ehemalige Baywa-Mitarbeiter. „Getreide, Raps und Mais kaufen wir prinzipiell auch von den Genossenschaften an“, so Köckler. „Der Handel mit Landmaschinen, Baustoffen und Heizöl ist aber derzeit kein Thema.“ Schon etwas länger betreut Agravis in Bayern Raiffeisen-Märkte, die den Baywa-Märkten ähneln. Dort können Landwirte und Endverbraucher Tier-, Heim- und Gartenbedarf kaufen, etwa Grills, Spielgeräte, Hühnerfutter, Eimer oder Besen. Diese Angebote will Agravis über sein Franchise-System ausweiten.
Die Krise der Baywa sieht Köckler als Glücksfall. „Das ist eine große Chance und die wollen wir nutzen“, sagt er. Agravis habe Erfahrung darin, in neuen Märkten Fuß zu fassen. So expandierten die Münsteraner nach der Wende erfolgreich in die neuen Bundesländer. Das soll sich nun in Bayern wiederholen. Mitte Februar stellte Köckler ein Foto von sich vor dem Münchner Rathaus ins Internet. Das Bild war eine Kampfansage, mitten aus dem Herzland der Baywa. „Wir wollen in Süddeutschland einen signifikanten Marktanteil“, betont der Agravis-Chef. „Wir kommen, um zu bleiben.“