Interview

„Ölpreis hat sich damals vervierfacht“

von Redaktion

Die Folgen des Iran-Kriegs – und was ihn von der Krise 1973 unterscheidet

Nach dem Ölpreisschock wurde für den 25. November 1973 der erste autofreie Sonntag verordnet. Nur mit Sondergenehmigung durften Privatleute Treibstoff verfahren. © Heirler/dpa

Luftschläge in Katar und dem Iran: Der Krieg in Nahost eskaliert immer weiter. Am Markt steigt die Panik. Wird Kraftstoff bald knapp? Das haben wir Rohstoff-Analyst Carsten Fritsch von der Commerzbank gefragt. Er erklärt, warum es trotz Rekord-Ausfällen beim Öl keine Fahrverbote gibt.

Welche Auswirkungen hat die aktuelle Krise auf die Öl-Versorgung?

Seit Anfang März ist die Meerenge von Hormus de facto gesperrt. Vor dem Iran-Krieg wurden hier täglich rund 20 Millionen Barrel Öl exportiert, das entspricht 20 Prozent der globalen Nachfrage. Aktuell können eigentlich nur Tanker mit ausgeschalteten Positionsmeldern oder mit Genehmigung des Iran passieren. Der Preis für Rohöl ist seit Kriegsbeginn um mehr als 50 Prozent gestiegen. Es gibt zwar einige freie Pipelines, die Öl zu freien Häfen am Roten Meer und am Golf von Oman liefern könnten. Aber das würde die Blockade nicht aufwiegen. Die freien Produktionskapazitäten liegen zudem fast ausschließlich in Ländern, die gerade blockiert sind. Also in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait und Irak. Selbst wenn alle Umleitungsmöglichkeiten ausgeschöpft werden, können mindestens 13 Prozent der globalen Ölnachfrage gerade nicht gedeckt werden.

Wird jetzt nicht mehr gebohrt?

In den USA lohnt es sich jetzt natürlich wieder, neues Schieferöl zu erschließen. Aber es dürften einige Monate vergehen, bis die Produktion nennenswert steigt.

Was ist mit der Freigabe der Öl-Reserven?

Die Internationale Energieagentur (IEA), über die die Industrieländer ihre Öl-Reserven verwalten, will jetzt 400 Millionen Barrel Öl freigeben. Das könnte den Ausfall etwa einen Monat kompensieren. Insgesamt würden die Reserven in den OECD-Ländern einschließlich der industriellen Vorräte für 9 Monate reichen. Aus China hören wir, dass den Raffinerien der Zugriff auf die dortigen Reserven erlaubt werden soll. Das sind 1,2–1,4 Milliarden Barrel. Diese würden ausreichen, um die bisherigen Importe Chinas aus der Golfregion für ungefähr 7 Monate zu decken. Zudem dürfen Länder wie Indien vorübergehend wieder sanktioniertes russisches Öl kaufen, das schon auf Tankern lagert. Diese Maßnahmen sorgen aktuell dafür, die Knappheit zu lindern. Wenn diese Vorräte aber allmählich aufgebraucht sind, wird der Markt mit steigenden Preisen reagieren.

Die IEA sieht aktuell den größten Öl-Ausfall aller Zeiten. Aber heute gibt es – anders als in den 70ern – keine autofreien Sonntage. Wie passt das zusammen?

Heute fehlen uns rund 13,5 Millionen Barrel pro Tag, das ist ein historisch hoher Wert. Vergleichbare Angebotsausfälle hat es nur während der Ölkrisen in den 1970er-Jahren gegeben. 1973 waren es 4 bis 5 Millionen Barrel pro Tag. Der Ölmarkt war damals aber deutlich kleiner, deshalb fiel diese Menge mehr ins Gewicht. In der ersten Ölkrise hatten die arabischen Förderländer wegen des Jom-Kippur-Kriegs ein Embargo gegen die westlichen Industrieländer verhängt. Denen fehlte damals rund 13 Prozent des Bedarfs, etwa so viel wie heute dem Weltmarkt. Aber damals gab es noch keine strategischen Reserven. Deshalb hatten sich die Ölpreise seinerzeit vervierfacht.

Welche Konsequenzen hat man gezogen?

In Deutschland gab es die berühmten vier autofreien Sonntage, um Sprit zu sparen. International wurde die IEA gegründet, um strategische Reserven zu schaffen. In der zweiten Öl-Krise, nach der islamischen Revolution im Iran, hatten sich die Preise dann nur noch verdoppelt. In den 70ern hatte sich zudem das Wachstum der Öl-Nachfrage drastisch verlangsamt: Von 6 bis 10 Prozent pro Jahr auf zwei Prozent pro Jahr. Und man hat begonnen die Effizienz zu steigern: 1973 konnte ein US-Pkw mit einer Gallone Kraftstoff keine 13 Meilen fahren. Heute sind es mehr als 18. Zudem hat man versucht, die Stromversorgung umzustellen: Weg von Öl, hin zu mehr Kernkraft, Kohle und Erneuerbaren.

Analysten rechnen damit, dass Diesel in vier Wochen knapp wird. Sehen Sie das?

Ob das schon in vier Wochen passiert, lässt sich schwer sagen. Erste Vorboten sehen wir aber schon. Die Gasöl-Preise sind seit Beginn des Krieges deutlich stärker gestiegen als die für Rohöl. Das ist ein Mitteldestillat, das zur Herstellung von Diesel und Kerosin benötigt wird. Bei Diesel beläuft sich der Preisanstieg seit Anfang März auf 80 Prozent, bei Kerosin sogar auf mehr als 100 Prozent. Die Länder in der Golfregion fallen als Lieferanten derzeit aus. China hat bereits den Export von Diesel verboten. Bei Diesellieferungen aus Russland besteht in der EU ein Importverbot. Als wichtiger Lieferant bleiben somit nur noch die USA übrig. Wenn sich Netto-Importeure wie Deutschland den kleiner werdenden Kuchen teilen müssen, zieht das die Preise für Diesel nach oben.

Ist die heutige Krise mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 vergleichbar?

Damals war der kurzfristige Ausfall der russischen Öl-Lieferungen am Weltmarkt nicht so spürbar, weil China und Indien schnell als Kunden eingesprungen sind. Es gab viel mehr ernsthafte Sorgen, dass das Gas ausgeht. Zum Vergleich: Seit Beginn des Irankriegs hat sich der Gaspreis in Europa verdoppelt. 2022 war er teilweise 5 Mal so hoch wie heute.

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