Nur ein bis zwei Prozent der Bürgergeldempfänger wurden in der Vergangenheit sanktioniert. Trotzdem benötigen die Jobcenter dieses Druckmittel, sagt Markus Schmitz. © Jens Kalaene
Markus Schmitz, Bundesagentur für Arbeit. © Marcus Schlaf
München – Am Arbeitsmarkt hat sich der Wind gedreht: Waren die gut bezahlten Arbeitsplätze in der Industrie einst Garant für den Wohlstand, sind heute genau in diesem Bereich Stellen in Gefahr. Wir sprachen darüber mit dem Chef der Bundesagentur für Arbeit in Bayern, Markus Schmitz.
Der Iran-Krieg bremst die wirtschaftliche Erholung in Deutschland. Droht ein weiterer Anstieg der Arbeitslosigkeit?
Noch sehe ich keine negativen Folgen für den Arbeitsmarkt – vorausgesetzt, der Konflikt dauert nicht länger. Aber natürlich verbessert der Krieg die Entwicklung am Arbeitsmarkt nicht. Denn leider ist die Ausgangslage alles andere als gut.
Warum?
Wir sehen zwei Dinge: Zum einen die konjunkturelle Schwäche, zum anderen die Transformation der Industrie. Betroffen sind insbesondere die Automobilindustrie und der Maschinenbau sowie die ganzen Zulieferer. Hier fallen Arbeitsplätze weg, vor allem in der Fertigung. Das trifft Oberbayern mit München und Ingolstadt, natürlich ebenso Niederbayern, genauso etwa die Region Schweinfurt in Unterfranken. Aber wo Schatten ist, gibt es auch Licht.
Wo sehen Sie Licht?
Es gibt viele Branchen, die bauen Beschäftigung auf. In den Gesundheitsberufen oder in Bildungs- und Erziehungseinrichtungen sehen wir eine hohe Nachfrage nach Personal. Auch das Handwerk ist sehr gut ausgelastet, hier entstehen viele neue Jobs.
Wenn gut bezahlte Tarif-Arbeitsplätze in der Autoindustrie abgebaut und durch schlechter bezahlte Jobs etwa in der Pflege ersetzt werden: Heißt das, die Qualität der Arbeitsplätze in Bayern sinkt?
Das würde ich so nicht sagen. In Bayern arbeitet nach wie vor eine Viertelmillion Menschen in der Autoindustrie beziehungsweise in deren näherem Umfeld. Wichtig ist: Die Branche muss jetzt die Transformation hinbekommen. Dann wird es wieder aufwärtsgehen. Aber kurzfristig gesehen ist natürlich klar: Wir stehen 2026 noch einmal vor einem sehr harten Jahr. Wir wissen aktuell von rund 50.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, von denen sich Unternehmen trennen könnten.
Wie reagieren Sie auf den Stellenabbau?
Wir sprechen als einer der Ersten mit den Arbeitgebern und den Betriebsräten und schauen, welche Möglichkeiten es gibt, den Stellenabbau abzufedern.
Wie machen Sie das?
Indem wir umschulen. Aus Helfern machen wir Fachkräfte. Wir haben aktuell 15.000 Beschäftigte in Bayern, die eine Umschulung machen. Ich weiß, das kostet viel Geld. Ich bin aber kein Freund davon, die Leute erst in die Arbeitslosigkeit zu schicken, um sie dann mit großer Mühe wieder rauszuholen.
Wie hoch ist die Erfolgsquote? Ist es nicht so, dass die Leute in Maßnahmen gesteckt werden und am Ende doch wieder in die Arbeitslosigkeit rutschen?
Ich kenne diese Kritik. Aber es gelingt uns tatsächlich, 40 Prozent der Teilnehmer nach drei Jahren in einen Job zu vermitteln. Das ist ein guter Wert! Früher war der viel niedriger.
Hilft das Kurzarbeitergeld in der aktuellen Krise?
Ja, auch die Kurzarbeit kann viel abfangen. Wir haben 340.000 Arbeitslose in Bayern – und 40.000 in Kurzarbeit. Und bei den Kurzarbeitern hoffen wir, dass sie bei ihren Arbeitgebern bleiben können.
Über Jahre beklagten die bayerischen Unternehmen einen Arbeitskräftemangel. Gib‘s den jetzt überhaupt noch?
Im Kopf will man das nicht so ganz zusammenbringen, aber der Fachkräftemangel bleibt bestehen. Wir beobachten einen Anstieg der Arbeitslosigkeit bei den Helferjobs, gleichzeig bleiben qualifizierte Beschäftigte gefragt. Wir sprechen von einem „Mismatch“.
Die Generation Z, die jetzt in den Arbeitsmarkt drängt, könnte Abhilfe schaffen. Ihr wird aber vorgeworfen, faul zu sein. Stimmt das?
Nein, das ist ein Mythos. Wir haben eine Studie, die zeigt: Junge Menschen heute arbeiten sogar mehr als junge Menschen früher. Viele arbeiten etwa während der Schulzeit oder während des Studiums. Was sich aber geändert hat: Die jungen Leute suchen einen Sinn in ihrer Arbeit. Früher war es das Geld, heute muss der Job selbst sinnstiftend sein.
Woran liegt das?
Jugendliche können heute bei der Bewerbung viel selbstbewusster auftreten, weil sich die Kräfte verschoben haben. 2025 hatten wir 65.000 Bewerberinnen und Bewerber auf 95.000 Ausbildungsstellen.
Lässt sich die Fachkräftelücke schließen, indem die Teilzeitbeschäftigten mehr arbeiten? Die CDU hatte jüngst von „Lifestyle-Teilzeit“ gesprochen.
Das ist ein politisches und mediales Thema, spiegelt aber die Lebenswirklichkeit der meisten Menschen nicht wider. Richtig ist, dass die Zahl der Teilzeit-Beschäftigten sehr hoch ist. Wir sehen, dass überwiegend Frauen in Teilzeit arbeiten. Aus der täglichen Arbeit in den Arbeitsagenturen wissen wir: Meist ist der Grund für einen Teilzeitjob die Pflege von Angehörigen oder die Erziehung von Kindern.
Bei der „Lifestyle-Teilzeit“ schlummert also kein großes Fachkräftepotenzial?
Nein, definitiv nicht. Worüber wir stattdessen sprechen müssen: Wie bekommen wir die anderen, die in Teilzeit arbeiten, wieder in Vollzeitjobs? Möglich wäre das etwa durch eine bessere Kinderbetreuung. Auch das Ehegattensplitting ist ein Hindernis: Es führt dazu, dass ein Ehepartner seine Arbeitszeit reduziert, weil dadurch die Steuerlast sinkt. Das ist ein falscher Anreiz.
Mit der Bürgergeld-Reform soll der Druck auf Grundsicherungs-Empfänger erhöht werden. Hilft das?
Nein. Es hieß ja immer, dass man mit der Reform Milliarden von Euro einsparen könnte, aber das ist nicht der Fall. Wir haben das mal hochgerechnet, die Ersparnis liegt maximal bei 100 Millionen, oder vielleicht 200 Millionen Euro. Trotzdem ist die Reform ein richtiger Schritt.
Warum?
Als Hubertus Heil Arbeitsminister war, wurden Sanktionen faktisch ausgesetzt. Die Kolleginnen und Kollegen in den Jobcentern haben das sehr bedauert. Zwar wurden schon in der Vergangenheit nur ein bis zwei Prozent der Bürgergeldempfänger sanktioniert. Trotzdem brauchen wir dieses letzte Druckmittel. Aber die Reform ist nur ein kleiner Schritt, jetzt warten wir auf die große Sozialstaatsreform.
Die Zeit drängt, die Baby-Boomer gehen in Rente, die Gesellschaft altert. Was heißt das für den Arbeitsmarkt?
Im vergangenen Jahr hatten wir in Bayern noch einen Beschäftigungszuwachs von 8000 Personen. Es wird für viele Jahre der letzte gewesen sein. In diesem Jahr kommt der Beschäftigungszuwachs zum Erliegen, die Zahl der Beschäftigten wird erstmals seit Langem wieder schrumpfen. Der einzige Grund, weshalb wir nicht schon im vergangenen Jahr geschrumpft sind, war die Zuwanderung aus Ländern außerhalb Europas.
Was wäre zu tun?
Wir müssten viel mehr Beschäftigte aus dem außereuropäischen Ausland rekrutieren. Wir bräuchten eine Zuwanderung mit Wucht – aber damit rechne ich nicht. Auch weil dafür politisch der Raum aktuell nicht gegeben ist.
Was ist die Konsequenz?
Sinkt die Zahl der Beschäftigten, bremst das Wachstum und Wertschöpfung. Einen Teil des Ausfalls kann man vielleicht noch durch Automatisierung und KI kompensieren. Aber setzt sich der Abwärtstrend fort, müssen wir damit rechnen, dass unser Wohlstand schrumpft.