Bayern gehen die Arbeitskräfte aus

von Redaktion

Der Gastronomie drohen längere Schließzeiten, sofern sich der Arbeitskräftemangel verschärft. © Rolf Poss, IMAGO

München – Der Arbeitskräftemangel wird sich in Bayern in den kommenden drei Jahren drastisch verschärfen. Das prognostiziert eine gestern veröffentlichte Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln im Auftrag des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages (BIHK) in München. Demnach fehlen im Freistaat schon jetzt 140.000 Arbeitskräfte, bis zum Jahr 2029 soll die Lücke auf 220.000 ansteigen – das wäre ein Zuwachs um 57 Prozent.

Die Konsequenzen dürfte jeder spüren: „Konkret sprechen wir von mehr Schließtagen in der Gastronomie, langen Wartezeiten bei qualifizierten Handwerkern und Werkstätten, beim Arzt und im Krankenhaus“, sagte BIHK-Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl. „Dazu kommen erhebliche Betreuungslücken für Kinder und Senioren.“

Neben diesen Einschränkungen für die Bevölkerung lässt sich der entstandene Schaden auch in einem Betrag zusammenfassen: Wie Gößl sagte, liegt der jährliche volkswirtschaftliche Verlust durch die ausfallende Wertschöpfung in Bayern schon jetzt bei rund 16 Milliarden Euro. Die größte Arbeitskräftelücke droht in den Berufen rund um Medizin und Gesundheit, die geringste in den IT-Berufen (siehe linke Grafik). Hauptgrund für den sich verschärfenden Personalmangel: Die Generation der Baby-Boomer geht in Rente, die Zahl der Renteneintritte steigt.

Um die Arbeitskräftelücke zu schließen, schlagen die Studienautoren zwei Instrumente vor. Erstens: Wer einen Job hat, soll länger arbeiten und später in Rente gehen. „Als größter Hebel für Beschäftigungswachstum verbleibt somit eine längere Lebensarbeitszeit, also ein weiter steigendes tatsächliches Renteneintrittsalter“, schreiben die Ökonomen des IW.

Zweite Möglichkeit: Frauen, die wegen der Kinderbetreuung häufig in Teilzeit tätig sind, sollen mehr arbeiten: „Der größte Hebel bleibt hierfür ein weiterer Ausbau der Kinderbetreuung, trotz klammer Staatskassen“, heißt es in der Studie.

Eine verstärkte Zuwanderung fordern die IW-Volkswirte explizit nicht. Sie weisen aber darauf hin, dass die geringe Zuwanderung langfristig ein Problem für den Arbeitsmarkt sei. Für ihre Prognose haben sie den bisherigen Zuwanderungstrend fortgeschrieben, im Jahr 2029 erwarten sie 1,4 Millionen ausländische Beschäftigte in Bayern. „Das wäre ein Ausländeranteil von 22,5 Prozent. Im Vergleich zum Jahr 2024 würde dies einem Anstieg von 3,5 Prozentpunkten entsprechen.“

Am Dienstag hatte der Chef der Bundesagentur für Arbeit in Bayern, Markus Schmitz, im Interview mit unserer Zeitung eine verstärkte Zuwanderung von Arbeitskräften gefordert. „Wir müssten viel mehr Beschäftigte aus dem außereuropäischen Ausland rekrutieren“, sagte er. Es bräuchte jetzt eine „Zuwanderung mit Wucht“.

Für die Unternehmen sind die Aussichten eines verschärften Arbeitskräftemangels keine guten Nachrichten. Beschäftigte könnten dagegen von höheren Löhnen profitieren, sofern sie gefragter sind. Derzeit verdient ein Vollzeitbeschäftigter mit Berufsausbildung in Deutschland im Schnitt 4125 Euro brutto im Monat, wie das Statistische Bundesamt gestern in Wiesbaden mitteilte (siehe rechte Grafik). Am unteren Ende der Statistik rangieren Friseure mit 2470 Euro, sie verdienen damit über 1500 Euro weniger als der Durchschnitt aller Beschäftigten.

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