München – Freie Fahrt für Tanker: Die Hoffnung auf neue Lieferungen aus Nahost lassen die Risiko-Aufschläge für fossile Energie schmelzen – mit unterschiedlicher Wirkung.
■ Öl und Gas
Die Preise für Rohöl fielen gestern Nachmittag um 18 Prozent auf 91 Dollar pro Barrel, die für Erdgas um 15 Prozent. Besonders stark brach das Raffinerieprodukt Gasöl ein. Die Vorstufe von Diesel und Heizöl verbilligte sich um 23 Prozent. Dennoch bleibt Öl deutlich teurer als Ende Februar. Thu Lan Nguyen, Analystin bei der Commerzbank, hält das für gerechtfertigt: „So ist etwa unklar, ob und inwieweit Israel bei der Einigung involviert war. Zum anderen enthält der von der iranischen Führung vorgelegte 10-Punkte-Plan, auf dem die kommenden Friedensgespräche basieren, Forderungen, die für die US-Seite wenig akzeptabel sein dürften“. Dazu gehöre die Aufhebung aller Sanktionen, der Rückzug des US-Militärs aus dem Nahen Osten und die fortgesetzte Kontrolle der Straße von Hormus durch den Iran.
Zudem seien in der Region 75 Energieanlagen „schwer bis sehr schwer“ beschädigt, so die Commerzbank. „Experten beziffern die Wiederaufbaukosten auf rund 25 Milliarden Dollar, wobei Gasinfrastruktur und Raffinerien stark betroffen sind.“ Deshalb sei vor allem bei Gas und Mitteldestillaten wie Gasöl mit anhaltenden Angebotseinschränkungen zu rechnen.
Wie angespannt die Lage weiterhin ist, zeigen die rekordhohen Aufschläge: Wollen Europäer für Mai Rohöl aus Saudi Arabiens Häfen am Roten Meer kaufen, müssen sie 28 Dollar Aufschlag pro Barrel bezahlen, berichtet die Commerzbank.
■ Heizöl
„Die Preise für Heizöl sind 12 bis 15 Cent pro Liter gefallen“, sagte Oliver Klapschus, Chef des Vergleichsportals Heizoel24 unserer Zeitung. „Der Markt funktioniert astrein: Die Preise fallen so schnell, wie sie gestiegen sind.“ Dennoch: „Die Verbraucher sind weiter vorsichtig: Wenige kaufen kleine Mengen“, so der Experte. Für ihn hängt jetzt alles davon ab, ob es wirklich Frieden gibt. „Ich würde abwarten und für größere Einkäufe vorsichtig auf eine dauerhafte Entspannung spekulieren.“ Verbraucher sollten die Preise täglich im Blick behalten: „Der Weg Richtung einen Euro pro Liter ist jetzt offen. Die Frage ist, wie lang das hält. Aktuell muss jeder für sich wissen, wie lange er spekuliert.“ Oder noch besser: „Die Preise sind immer noch sehr hoch. Wer Zeit hat, sollte am besten bis Anfang Juli warten“
■ Diesel
Obwohl die Kosten für den Rohstoff um fast ein Viertel eingebrochen waren, sind die Preise an der Tankstelle erneut gestiegen. Die Preisregel der Bundesregierung hat damit fast jeden Tag ein neues Rekordhoch erzeugt. Immerhin: „Am Mittwoch sind die Preise am Mittag nicht so stark gestiegen wie am Dienstag“, so ein ADAC-Sprecher. „Der Anstieg war etwas moderater, wir müssen abwarten, ob tatsächlich eine echte Entspannung eintritt.“ Das Problem: „Die Preise an den Tankstellen steigen bei höheren Ölpreisen immer schnell, aber fallen extrem langsam, wenn der Ölpreis wieder nachgibt.“ Für den ADAC ein Fall fürs Kartellamt: „Bisher konnte man den Öl-Konzernen keine Preisabsprachen nachweisen. Jetzt hat das Bundeskartellamt aber neue Befugnisse: Die Betreiber müssen jetzt begründen, warum Spritpreise steigen. Das müssen die Behörden jetzt aber auch konsequent einfordern.“
■ Gas- & Stromtarife
„Bei den Verbraucherpreisen ist die Entspannung noch nicht angekommen. Im Gegenteil: Neue Erdgas-Tarife sind so teuer wie seit drei Jahren nicht“, sagt Lundquist Neubauer, Sprecher des Vergleichsportals Verivox. Dafür hatten sich die Konditionen bei Kriegsbeginn nur langsam verteuert. „Wenn die Lieferungen aus Nahost wieder anlaufen, werden die Neukundenpreise leicht sinken, aber dauerhaft auf einem höheren Niveau bleiben.“ Dennoch könnten viele einen guten Schnitt machen: „Verbraucher sollten jetzt sehen, wie teuer ihr aktueller Tarif ist und ob sie eine Preisgarantie haben.“ Denn Neukundentarife bieten neben einem Wechselbonus auch Kostensicherheit für 12 oder 24 Monate. In München kostete eine Kilowattstunde (kWh) Strom für Neukunden selbst bei großen Anbietern 28 Cent, inklusive Wechselbonus und Grundgebühr (für 4000 kWh/Jahr). Bestandskunden zahlen im Schnitt 37 Cent. Erdgas gibt es ab 10,6 Cent (20.000 kWh/Jahr).