Gröbenzell – Vom Ufer aus sind sie kaum zu sehen, doch unter der Oberfläche des Rheins können die sogenannten Energie-Fische die Strömung des Flusses nutzen, um Strom zu erzeugen. Das Unternehmen Energyminer mit Sitz in Gröbenzell hat bei St. Goar in Rheinland-Pfalz erstmals drei dieser schwimmenden Anlagen installiert. Weitere 121 sollen den Schwarm bis zum Ende des Jahres komplett machen, der schon bald Strom ins öffentliche Netz einspeisen soll.
Dem Unternehmen zufolge handelt es sich nicht nur um ihr erstes großes Projekt, sondern auch um das erste Wasserkraftwerk seiner Art. Offiziell heißt das Projekt Energyfish.
Jeder Energyfish so groß wie ein Auto
Bei den Anlagen handelt es sich der technischen Leiterin Chantel Niebuhr zufolge um schwimmende Strömungskraftwerke, die die natürliche Energie der Flüsse nutzen. Die einzelnen Anlagen sind etwa so groß wie ein kleines Auto, konkret sind sie 2,40 Meter breit, 1,40 Meter hoch und 2,80 Meter lang.
„Jede Anlage hat zwei Rotoren, die sich durch die Strömung zu drehen beginnen“, erklärt Niebuhr. „Die dabei entstehende Energie wandelt ein Generator, der ebenfalls in jedem der Energyfische vorhanden ist, in Strom um.“ Ein Ankerseil verankert die Anlagen im Flussbett. Daran entlang führt ein Stromkabel zum Flussgrund und von dort weiter an Land. „Dort wandelt eine Landbox den Strom um und macht ihn damit netzkonform“, sagt Niebuhr. „Dann kann der Strom eingespeist werden.“
Mit dem Schwarmkonzept, also dem Einsetzen mehrerer Energyfische an einem Standort, können die Kraftwerke flexibel an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden.
Nach Unternehmensangaben liefern 100 Anlagen im Schnitt rund 1,5 Gigawattstunden Strom pro Jahr. Das entspreche etwa dem Bedarf von rund 470 Haushalten. Die tatsächliche Leistung hänge jedoch stark von der Fließgeschwindigkeit des jeweiligen Standorts ab, könne also bei einer schnelleren Fließgeschwindigkeit noch höher sein.
■ Der Fluss bleibt so natürlich, wie er ist
Die Voraussetzungen für den Einsatz sind laut Energyminer, dass der Fluss an der vorgesehenen Stelle mindestens etwa einen Meter tief ist und eine Fließgeschwindigkeit von mindestens einem Meter pro Sekunde erreicht. „Wir brauchen weder Staudämme noch andere Veränderungen des Flusses selbst, wir nehmen nur einen kleinen Teil des Querschnitts ein, der Fluss bleibt so natürlich, wie er ist“, sagt Georg Walder, der Energyminer zusammen mit Richard Eckl leitet.
Mit der Frage der Fischverträglichkeit hat sich eine Studie der Technischen Universität in München im Auftrag von Energyminer beschäftigt. Bei konventionellen Wasserkraftwerken könne die Sterblichkeit von Fischen erheblich sein, sagt Jürgen Geist, Professor für Aquatische Systembiologie an der TU München.
Bei hydrokinetischen Wasserkraftanlagen – zu denen die Energie-Fische zählen – ließe sich festhalten, dass sie deutlich weniger Einflüsse auf den Lebensraum der Fische haben als konventionelle Kraftwerke, sagt der Professor. Die Fische hätten mehr Möglichkeit, die Anlagen zu umschwimmen. Der Betrieb der Energyfish-Anlage hat das Verhalten der Fische im untersuchten Gewässerabschnitt laut Geist nicht beeinflusst.
Technikchefin Chantel Niebuhr ist überzeugt, dass die Technik aufgrund der vielen möglichen Standorte für den breiten Einsatz geeignet ist. Eine Studie habe ergeben, dass das technische Potenzial allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz 50 Terawattstunde betrage.DPA