Hohe Spritpreise: Harter Job fürs Kartellamt

von Redaktion

München – Nach lauten Forderungen aus Politik und Bevölkerung hat das Bundeskartellamt gestern die Raffinerien in Deutschland aufgefordert, Informationen zum Zustandekommen der Spritpreise zu liefern. „Die Unternehmen müssen uns über ihre Kostenstrukturen aufklären und zeigen, dass ihre Preise gerechtfertigt sind“, erklärte Kartellamtschef Andreas Mundt.

Der Verdacht überhöhter Preise kommt nicht von ungefähr: Diesel war jüngst so teuer wie nie, Benzin kurz davor. Die Kosten für Raffinerieprodukte sind weit stärker gestiegen als die für Rohöl. Denn Termingeschäfte für die Weltmarktsorte Brent haben sich bis gestern nur um 38 Prozent verteuert. Beim Diesel-Vorprodukt Gasöl sind es 88 Prozent. Vergleicht man die Kerosin-Preise von Anfang April mit dem Mittelwert von 2025, sind sie sogar um 138 Prozent gestiegen.

Dass im Großhandel so hohe Preise bezahlt werden, hat aber handfeste Gründe: Kraftstoff ist knapp. Europa bekommt zwar nur rund 10 Prozent seines Rohöls aus Nahost, erklärt Kevin Schäfer, Geschäftsführer von Argus Media Deutschland. Die Preise sind hier gestiegen, weil vor allem asiatische Käufer ausgefallene Lieferungen ersetzen müssen. Das größere Problem seien aber Mineralölprodukte: „Deutschland und Europa verfügen nicht über ausreichende Raffineriekapazitäten, um den Bedarf an Produkten wie Diesel und Kerosin vollständig zu decken, und sind daher stark auf Importe angewiesen“, so Schäfer. Beim Benzin ist Europa Netto-Exporteur, hier stiegen die Preise seit Kriegsbeginn um 38 Prozent.

Nachdem die letzten bereits auf See befindlichen Lieferungen aus Nahost Europa erreicht haben, seien jetzt die kurzfristigen Puffer weitgehend aufgebraucht, sagt Kevin Schäfer: „Rund 40  Prozent der europäischen Kerosin-Importe stammen normalerweise aus dem Nahen Osten, gefolgt von Diesel in geringerem Umfang. Diese Mengen lassen sich kurzfristig nur schwer ersetzen, und Europa konkurriert mit anderen Regionen um die verbleibenden verfügbaren Lieferungen.“

Denn in asiatischen Ländern mit geringer Kaufkraft ist Kraftstoff bereits knapp, Thailand erwägt etwa die nächtliche Schließung von Tankstellen. Dass auch in Europa gelagerte Ölprodukte im Zweifel wieder auf den Weltmarkt kommen, zeigt das Beispiel Heizöl, das eng mit Diesel verwandt ist: Aktuell kostet ein Liter in Hamburg 9 Cent mehr als in Bayern: „Nach wie vor ist Brennstoff in Norddeutschland deutlich teurer, weil er hier über die Häfen leichter exportiert werden kann“, erklärt Oliver Klapschus, Chef des Vergleichsportals Heizoel24. Laut Kevin Schäfer sind die hohen Großhandelspreise ein Marktmechanismus: „Kurzfristig ist eher davon auszugehen, dass hohe Preise die Nachfrage begrenzen, bevor es zu breiteren physischen Engpässen kommt.“

Das Bundeskartellamt müsste also nachweisen, dass die Raffinerien keine übermäßig gestiegenen Kosten hatten. Die Herausforderung: Die Öl-Konzerne sind global aufgestellt, jeder Verarbeitungsschritt meist eine eigene Firma. Und alle können sich auf die hohen Weltmarktpreise berufen. Daten von Argus zeigen etwa: Kurzfristige Rohöl-Lieferungen sind gerade rund 30 Prozent teurer als Lieferungen für Juni – und seit April sogar mehr wert als fertiges Benzin. Auch die Tankstellen haben Argumente: Da sie die Preise nur einmal um 12 Uhr Mittags erhöhen dürfen, können sie sich nicht mit der Konkurrenz abgleichen. Deshalb nehmen sie sicherheitshalber mehr als weniger.MATTHIAS SCHNEIDER

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