Einen sorgenfreien Ruhestand müssen fast alle, die von ihrem Arbeitseinkommen leben, über die Jahre finanziell aufbauen. © Bodgan, smarterpix
Berlin – Schon in wenigen Monaten soll das von der Bundesregierung vorgestellte Altersvorsorgedepot starten – und damit die viel kritisierte Riester-Rente ablösen, die finanziell häufig eher den Produktanbietern als den Sparern geholfen hat. Nun können alle Arbeitnehmer, Selbstständige oder Beamte gefördert auch mit Produkten für das Alter vorsorgen, die am Aktienmarkt hohe Renditen erzielen. Der Staat gibt bis zu 540 Euro im Jahr dazu, bei Eltern sogar mehr. Dorothea Mohn vom Verbraucherzentrale Bundesverband hält die Reform für einen wichtigen Schritt. Doch sie warnt: Banken, Versicherer und die Finanzlobby wollen im Rahmen des Altersvorsorgedepots weiter Produkte verkaufen, die vor allem für sie lukrativ sind.
Frau Mohn, die Bundesregierung hat sich auf eine Riester-Reform geeinigt und will die Altersvorsorge mit hunderten Euro pro Jahr fördern. Wann kann man die neuen Produkte kaufen?
Viele Banken, Broker und Versicherungen werben schon jetzt mit dem Altersvorsorgedepot, obwohl es die Förderung erst ab 2027 gibt. Davon sollte sich niemand stressen lassen. Man muss die Verträge nicht zum 1. Januar 2027 abschließen, um die Förderung zu erhalten, es reicht im Laufe des Jahres.
Es wird gleich mehrere Altersvorsorge-Produkte geben. Welches ist aus Ihrer Sicht das sinnvollste? Ein ETF-Sparplan für Aktien?
Man wird künftig mit staatlicher Förderung im Rahmen eines Altersvorsorge-Depots in ETF-Sparpläne anlegen können. Das ist gut so. Aber das ist eher etwas für versierte Sparer, die sich schon jetzt selbst um ihre Finanzen kümmern. Ich glaube nicht, dass das Gros der Bevölkerung diese Möglichkeit nutzen wird. Für die gibt es aber eine andere gute Option.
Welche denn?
Es wird ein staatliches Standardprodukt geben, das für niedrige Kosten und eine vernünftige, breit diversifizierte Anlage steht. Es richtet sich an alle, die sich nicht tief in die Materie einarbeiten und trotzdem effizient vorsorgen wollen. Das ist die zentrale Änderung in dieser Reform. Das staatliche Standardprodukt darf aber nicht mit den sonstigen Standardprodukten verwechselt werden, die alle Anbieter offerieren müssen. Die Branche sagt schon heute, dass dies nur Schaufensterprodukte sind, um ihr Geschäft anzukurbeln. Wirklich verkaufen wollen sie diese nicht, weil es hier einen Kostendeckel von einem Prozent gibt.
Wie meinen Sie das?
Viele Banken und Versicherungen wollen im Rahmen der neuen Förderung lieber andere Produkte vertreiben, für die der Kostendeckel von einem Prozent nicht gilt. Sie werden versuchen, Sparer weg vom Standardprodukt und rein in teure Versicherungen zu drängen, insbesondere jene mit 80 Prozent Kapitalgarantie. Das hat der Finanzvertrieb unverblümt angekündigt. Dabei rentieren sich diese Produkte mehr für die Anbieter als für die Sparer. Auch aktiv gemanagte Investmentfonds sind für die Banken lukrativ. Anders als ETFs haben sie oft hohe Gebühren.
Die Reform sollte verhindern, dass sich die Branche mit Staatsförderung weiter selbst bereichert. Wieso hat das nicht geklappt?
Schon die Einführung der Riester-Rente um die Jahrtausendwende war auch von Vertriebsinteressen der Finanzbranche geleitet. Bei der Reform jetzt war es nicht anders. Die offizielle Formel ist, dass sich der Staat aus dem Wettbewerb raushalten will. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es aus der Finanzbranche erheblichen Lobby-Druck gab und gibt.
Ist die Reform damit aus Ihrer Sicht gescheitert?
Nein, überhaupt nicht. Schon alleine, weil das staatliche Standardprodukt für alle Teil der Reform ist. Jetzt muss es möglichst schnell kommen und gut umgesetzt werden.
Wie wird es funktionieren?
Es wird nach schwedischem Vorbild aufgelegt und im Kern zwei Investmentfonds beinhalten: einen Aktienfonds, der hohe Renditechancen hat, und einen sicherheitsorientierten Anleihefonds. Am Anfang wird der überwiegende Teil des Geldes in den Aktienfonds fließen. Daneben wird ein sogenannter Life-Cycle vorgesehen sein, mit dem ein paar Jahre vor der Rente automatisch immer mehr Kapital in den Anleihefonds umgeschichtet wird. So wird das angesparte Geld zu Rentenbeginn gesichert. Weil das automatisch erfolgt, muss man sich nicht intensiv mit dem Depot beschäftigen. Da das Produkt ohne teuren Vertrieb und ohne eigene Gewinnabsicht auskommt, werden die Kosten sehr gering sein. Das wird in Schweden seit vielen Jahren so gemacht und die Depots dort laufen richtig gut.
Was, wenn man sein Altersvorsorgeprodukt wechseln will?
Das wird künftig viel leichter gehen als im alten Riester-System, in dem man aus Kostengründen oft in seinem Vertrag feststeckte. Ich denke, dass wir deshalb künftig viele Vertragswechsel sehen werden.
Weshalb?
Weil vermutlich viele Sparer nach einigen Jahren feststellen werden, dass ihre Versicherung, ihr aktiver Fonds oder ihr Garantie-Produkt tatsächlich deutlich weniger Rendite einbringt als das staatliche Vorsorge-Produkt oder ein ETF-Sparplan. Dann können sie sich leichter umentscheiden, als das heute möglich ist.
Auch aus alten Riester-Verträgen kann man in das neue Altersvorsorge-Depot wechseln. Wem raten Sie das?
Das hängt immer vom Einzelfall ab. Grundsätzlich kann man aber sagen: Je mehr Zeit man bis zur Rente hat, desto wahrscheinlicher lohnt sich ein Wechsel. Für Menschen, die nur sehr geringe Sparbeiträge leisten können und viele kindergeldberechtigte Kinder haben, kann es anders sein.
Was passiert eigentlich, wenn man in Rente geht? Kann man das ganze Geld dann ausgeben?
Nein, nur 30 Prozent kann man sofort entnehmen. Den Rest kann man sich entweder als lebenslange Rente oder bis mindestens zum 85. Lebensjahr auszahlen lassen.
Und wenn man zuvor plötzlich stirbt?
Hat man den Auszahlplan gewählt, kann man das Geld abzüglich Förderung vererben. Bei einer lebenslangen Verrentung mittels einer Versicherung ist das Geld üblicherweise im Falle des Tods weg.
Ist die Reform aus Ihrer Sicht ein großer Wurf? Oder ist sie nur besser als das alte Riester-System?
Auch, wenn noch nicht alles perfekt ist, bringt diese Reform wirklich viele Verbesserungen. Besonders das staatliche Standardprodukt ist ein Meilenstein. Gleichzeitig bleibt der Finanzvertrieb mit seinen teuren Produkten weiter im Spiel und ist im Vertrieb den Verbrauchern und Verbraucherinnen einfach haushoch überlegen. Deshalb denke ich: Das ist ein extrem wichtiger Schritt, aber trotzdem wohl nicht die letzte Reform der privaten Altersvorsorge.