„Krieg ums Öl wird Krieg gegen Öl“

von Redaktion

An den Aktienmärkten zählt künftig auch die Widerstandsfähigkeit gegen Lieferkrisen. Davon sind Analysten überzeugt. Wer die Kosten dabei im Griff behält, gewinnt auch an der Börse. © Charly Triballeau/AFP

München – Die gute Nachricht ist: In absehbarer Zeit wird die strategische Bedeutung der Straße von Hormus wohl abnehmen. Über Jahrzehnte war die Meerenge ein geopolitisches Druckmittel, vor allem für den Iran. Die zuletzt verheerenden Auswirkungen auf die Lieferketten der Industrie zwingen diese nun aber zum Umdenken. „Resilienz ist von einem Randthema zur Chefsache geworden“, sagt Karina Lück, Logistikexpertin bei PwC Deutschland.

Angriffe auf Förderanlagen oder Transportinfrastruktur treiben die Preise und lassen Börsenkurse einbrechen. Die Industrie habe aus vergangenen Krisen aber schon Konsequenzen gezogen, sagt Lück. In der Automobilindustrie etwa hätten Hersteller ihre Beschaffungsstrategien nach den Halbleiterengpässen neu ausgerichtet: zusätzliche Lieferanten, größere Lagerbestände für kritische Komponenten. Die Produktion rückt in größere Nähe zu den wichtigsten Absatzmärkten. Betriebe forcieren Recycling und einen bewussteren Umgang mit Rohstoffen.

„Diversifizierung ist für viele Unternehmen keine Option mehr, sondern Notwendigkeit“, unterstreicht Benjardin Gärtner vom Fondsanbieter DWS. Das macht Infrastrukturinvestitionen entlang neuer Routen attraktiver. „Wir sehen die Beschleunigung von Pipelineprojekten und den Ausbau alternativer Exporthäfen und Logistikkorridore“, sagt Mathias Beil von der Hamburger Sutor Bank. Für 2026 taxierten Experten den globalen Markt für Öl- und Gaspipelines auf rund 122 Milliarden US-Dollar, mit weiterem Wachstum bis 2034: „Die Landkarte der Energieflüsse verschiebt sich“.

Gleichzeitig beschleunige der Konflikt die Dekarbonisierung: „Der Krieg ums Öl“, sagt Beil, „wirkt zunehmend wie ein Krieg gegen das Öl selbst“. Diese Entwicklung werde auch an den Börsen ankommen, erwarten Analysten. Energie, Infrastruktur, Netzausbau und Speichertechnologien rückten in den Fokus. Zu den möglichen Gewinnern zählen sie auch Unternehmen aus der zweiten Reihe: etwa den US-amerikanischen Energieversorger PPL, der regional in neue Kraftwerke investiert, oder den Bitcoin Miner CleanSpark, der große, energieoptimierte Rechenzentren betreibt. Im deutschen Markt bringe sich mit 2G Energy ein deutscher Hersteller von Blockheizkraftwerken und Großwärmepumpen in Stellung, der von maroden Stromnetzen und dem Ausbau von Rechenzentren profitiert. Die ebenfalls deutsche Nordex ist einer der größten Hersteller von Onshore Windkraftanlagen und Windturbinen.

Im Auge haben Analysten außerdem den portugiesischen Energieversorger EDP – einer der größten Stromkonzerne Europas. Wie EDP könnte auch die spanische Solaria Energia y Medio Ambiente von den geplanten zwei Billionen Euro an Investitionen in europäische Stromnetze und Elektrifizierung profitieren. Als aussichtsreich gilt außerdem der belgische Gasinfrastruktur Konzern Fluxys, der in Europa und weltweit Pipelines, LNG-Terminals, Speicheranlagen und zunehmend auch Wasserstoff und CO₂ Infrastruktur betreibt.

Dass Anleger Investitionen in Resilienz und Nachhaltigkeit schnell belohnen, ist dennoch nicht gesetzt: An den Kapitalmärkten zeige sich ein differenziertes Bild, warnt DWS-Manager Gärtner: „Bei Störungen steigen die Risikoprämien sofort, Vorschusslorbeeren für stabilere Lieferketten gibt es kaum“. Lieferketten werden durch das Umsteuern zwar stabiler, aber auch teurer. „Am Ende“, sagt Gärtner, „setzt sich durch, wer diese Kosten im Griff behält“. Der entscheidende Fortschritt liege weniger in der Eliminierung einzelner Risiken als in der Fähigkeit, schneller zu reagieren, betont Lück. In jedem Fall, prognostiziert Beil, werde die Welt künftig weniger tolerant gegenüber Abhängigkeiten sein, die sich als zu teuer erwiesen haben.

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