INTERVIEW

Milliarden für schönere Bahnhöfe

von Redaktion

Bahn-Chefin Evelyn Palla über Großbaustellen, Ticketpreise und Pünktlichkeit

Evelyn Palla führt den Staatskonzern seit vergangenen Oktober. Viele trauen ihr die Kehrtwende zu. © epa

München – Wenn es schon mit der Pünktlichkeit nicht klappt, sollen doch wenigstens alle anderen Schwächen der Bahn schnell angegangen werden. Bahnchefin Evelyn Palla drängt im Gespräch auf schnelle Verbesserungen. Seit dem vergangenen Oktober leitet die Südtirolerin als erste Frau die Deutsche Bahn.

Frau Palla, werden Sie erkannt, wenn Sie Zug fahren?

Ich fahre viel Zug und ich werde oft von Kolleginnen und Kollegen angesprochen. Wir kommen dann ins Gespräch und so werden manchmal auch unsere Fahrgäste auf mich aufmerksam. Die Reaktionen sind in der Regel sehr wohlwollend und aufgeschlossen. Die Menschen sehen, dass sich bei der Bahn etwas verändert und sich etwas bewegt. Unser Neustart ist herbeigesehnt. Deutschland will wieder stolz auf die Bahn sein.

Was haben Sie sich da vorgenommen?

Die Bahnhöfe liegen uns besonders am Herzen. Sie sind eine Visitenkarte nicht nur für uns, sondern auch für die Städte und Gemeinden. Da haben wir ganz klar Nachholbedarf. Deshalb investieren wir allein dieses Jahr rund vier Milliarden Euro und modernisieren so mehr als 1000 Stationen in der gesamten Republik. In den nächsten fünf Jahren werden es mehr als 20 Milliarden Euro Investitionen sein. Außerdem haben wir das umfassende Programm zur zukunftsweisenden Rundum-Neugestaltung ganzer Stationen von 500 auf 710 Stationen ausgeweitet. 130 kommen bereits in diesem Jahr dran. Dazu kommen noch einmal 50 Millionen Euro für mehr Sicherheit und Sauberkeit. Und bald beginnt ein Sofortprogramm für eine bessere Information der Reisenden.

Das größte Ärgernis für Passagiere ist sicherlich die Unpünktlichkeit. Jeder dritte Zug hatte 2025 mehr als sechs Minuten Verspätung. Ärgert Sie das genauso?

Ich erlebe natürlich das Gleiche. Im März waren aber 80 Prozent aller Züge im Fernverkehr weniger als 15 Minuten verspätet. Natürlich müssen wir pünktlicher werden. Das will ich gar nicht schönreden. Und natürlich müssen wir auch das Schienennetz, das nicht in Ordnung ist, wieder in Ordnung bringen. Aber man darf Dinge auch nicht schlechter reden, als sie sind.

Meinen Sie damit Bundesverkehrsminister Schnieder? Er hat neulich gesagt, dass die Bahn in einem demokratiegefährdenden Zustand sei.

Nein. Die Bahn ist nun einmal ein Spiegel der Gesellschaft: Eine funktionierende Bahn wird gleichgesetzt mit einem funktionierenden Staat. Unser Neustart hat deshalb nur ein Ziel: Wir arbeiten hart daran, die Bahn zum Funktionieren zu bringen. Jeden Tag. Und da gibt es nur einen Weg – nach vorne.

Minister Schnieder sagte, dass bis 2029 70 Prozent der Züge im Fernverkehr pünktlich sein sollen. Was ist Ihr Pünktlichkeitsziel?

Das ist auch mein Ziel. Um das erreichen zu können, braucht es aber gewisse Rahmenbedingungen. Wir erarbeiten derzeit mit dem Bundesverkehrsministerium ein Programm für die Schieneninfrastruktur. Und natürlich sprechen wir auch über dementsprechende Finanzmittel. In diesem Jahr sind es Rekordmittel in Höhe von 23 Mrd. Euro. Die sind eine Grundvoraussetzung dafür, dass wir das Ziel erreichen können. In der Vergangenheit wurde einfach zu wenig Geld in die Bahn gesteckt.

Warum sind Züge so oft so unpünktlich?

Wir haben ganz klar zu viele Störungen. Die Schiene ist zu alt. Und gleichzeitig wird es auf den Schienen immer voller. Sie müssen sich das so vorstellen wie eine Autobahn, die viele Löcher hat, auf der aber immer mehr Autos fahren. Kein Wunder, dass die dann im Stau stehen.

Ist die Lösung also, dass weniger Züge unterwegs sein dürfen?

An den Wochenenden sehen wir 10 bis 15 Prozent höhere Pünktlichkeitswerte als unter der Woche. Dann ist weniger Regionalverkehr auf den Schienen unterwegs und kein Güterverkehr. Die Pünktlichkeit liegt am Wochenende zum Teil über 70 Prozent. Aus Sicht unserer Fahrgäste sage ich aber auch ganz klar: Weniger Verkehr darf immer nur die letzte Möglichkeit sein.

Das hört sich an, als ob sich Nah- und Fernverkehr in die Quere kommen würden?

Wir müssen insbesondere die großen Knotenbahnhöfe entlasten. Dort haben wir einfach zu viel Verkehr. Eine Möglichkeit wäre, den Fern- und Nahverkehr zu entzerren.

Den Nahverkehr also nicht mehr durch die Hauptbahnhöfe fahren zu lassen?

So einfach ist das nicht. Den Nahverkehr können und wollen wir nicht auf kleinere Bahnhöfe umleiten. Es gibt so viele Menschen, die darauf angewiesen sind und sich darauf verlassen. Gleichzeitig wollen Fernreisende aber auch am Hauptbahnhof ankommen, und nicht schon in Köln-Deutz oder Frankfurt-Süd aussteigen.

Um die Schiene in Ordnung zu bringen und um so für mehr Pünktlichkeit zu sorgen, sanieren Sie mehrere große Streckenabschnitte jedes Jahr. Mutet sich die Bahn bei dieser Generalsanierung zu viel zu? Es kommt ja immer wieder zu Verzögerungen …

Korridorsanierungen hat es so bislang noch nicht gegeben und wir lernen bei jeder dazu. Auf der einen Seite müssen wir schauen, dass uns das Netz nicht noch schneller kaputtgeht. Und auf der anderen Seite müssen wir so viel Bauleistung wie möglich schaffen. Wir sanieren jetzt vier bis fünf große und wichtige Streckenabschnitte im Jahr. Das müssen wir auch schaffen, damit das Netz nicht noch schlechter wird. Wir haben so einen schnellen Alterungsfortschritt, dass wir schnell und gebündelt bauen müssen. Es geht nur so: Das gebündelte Bauen ist alternativlos.

Durch den Krieg im Iran steigen unter anderem die Stromkosten an. Und auch die Ticketpreise?

Wir kaufen den Strom nicht jeden Tag neu am Markt ein, wir sind da übers Jahr abgesichert. Für 2026 ist der Strompreis bereits fast zur Gänze gesichert, und auch für 2027 sind wir schon in hohem Maße abgesichert. Die hohen Energiepreise werden sich dieses Jahr kaum auf die Wirtschaftlichkeit der Bahn auswirken. Aber wir werden die Entwicklungen natürlich weiter beobachten. Über die Erhöhung der Ticketpreise im Fernverkehr werden wir dann wie jedes Jahr im Herbst entscheiden.

Die Koalition hat nun beschlossen, Autofahrer zu entlasten. Hätten Sie sich eher einen Booster für die Deutsche Bahn gewünscht – zum Beispiel eine Neuauflage des 9-Euro-Tickets?

Das 9-Euro-Ticket war und ist in keiner Weise finanzierbar. Und ich finde es auch nicht richtig, weil Bahnfahren eine Leistung ist, die etwas wert sein muss. Selbst bei 63 Euro sind noch jedes Jahr drei Milliarden Euro von Bund und Ländern zusätzlich nötig. Von daher: Nein, das hätte ich mir nicht gewünscht.

Immer wieder gibt es Übergriffe auf Ihre Kontrolleure. Es gibt nun Pläne, Schwarzfahren zu entkriminalisieren. Ist das der richtige Weg?

Ich bin gegen eine Entkriminalisierung. Es ist auch für unser Personal wichtig, dass jeder, der unsere Leistung in Anspruch nimmt, dafür bezahlt. Aber natürlich wollen wir unser Personal maximal bei den Ticketkontrollen schützen. Zum Beispiel durch Bodycams. Aber auch dadurch, dass Kontrolleure auf die Ausweiskontrolle verzichten können, wenn sie ein Aggressionspotenzial vermuten.

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