Produktionslabor von Roche Pharma: Das Unternehmen gehört zur deutschen Tochtergesellschaft des schweizerischen Roche-Konzerns. © Roche Pharma
Berlin – Im Gesundheitssystem klafft ein Finanzloch. Bis Ende April will Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ein Reformgesetz vorlegen, das 20 Milliarden Euro bringen soll. Für Versicherte wird es wohl teurer, die Pharmahersteller sollen weniger Geld bekommen. Daniel Steiners, Chef von Roche Pharma und Vize-Präsident des Pharmaverbands VFA, hält wenig davon.
Die Gesetzlichen Krankenkassen sollen künftig weniger ausgeben, Medikamente günstiger werden. Bleiben künftig die Regale in den Apotheken leer?
Diese Gefahr ist längst real. Schon heute sehen wir, dass jedes dritte Medikament, das in den USA zugelassen ist, in Deutschland nicht verfügbar ist. Das hat direkt mit politischen Entscheidungen zu tun. Denn was viele nicht wissen: Die Preisbildung für Medikamente unterliegt in Deutschland seit mehr als 15 Jahren einem stark regulierten Prozess. Das ist grundsätzlich sinnvoll. Problematisch wird es, wenn nach der Preisfestlegung zusätzlich pauschale Zwangsrabatte und willkürliche Abschläge erhoben werden, um die Krankenkassen querzufinanzieren. Wenn ein Land die Preise drückt, dann hat das auch oft Auswirkungen auf andere Länder. Medikamentenpreise sind international miteinander verbunden.
Was bedeutet das?
Die Folge ist, dass der wirtschaftliche Druck auf Hersteller immer größer wird. In dieser Situation müssen sich viele Unternehmen zwangsläufig die Frage stellen, ob die Einführung innovativer Medikamente in Deutschland wirtschaftlich noch vertretbar ist. Die grundsätzliche Frage an die Politik lautet deshalb: Will sie Innovationen angemessen honorieren und gute Bedingungen für medizinische Forschung und Produktion schaffen? Oder verliert Deutschland den Anschluss und wird immer mehr zum Vertriebsstandort für ältere Medikamente?
Was fehlt Ihnen bei den Plänen der Gesundheitsministerin?
Es fehlt ein ganzheitlicher Blick. Aktuell betrachtet das Gesundheitsministerium innovative Arzneimittel allein als Negativposten im Haushaltsbuch der Kassen. Dabei machen sie nur sieben Prozent der Gesamtausgaben aus. 93 Prozent des Problems liegen woanders. Gleichzeitig stützt unsere Branche das Gesundheitssystem schon heute durch verschiedene Rabatte mit fast 30 Milliarden Euro pro Jahr. Mit dem Gesetzentwurf der Gesundheitsministerin kommen jetzt sogar neue Abschläge auf unsere Industrie zu, die jederzeit dynamisch an die Kassenlage angepasst werden können.
Vermutlich greift die Ministerin auch deshalb zu, weil die Branche zuletzt trotz der Rabatte recht gut in Deutschland verdient hat. Ist das so überraschend?
Als forschende Branche können und müssen wir grundsätzlich mit vielen Risiken umgehen. Was wir jedoch nicht verkraften, sind unberechenbare politische Eingriffe. Mich stört, dass die Politik nicht konsequent die echten Hebel für Einsparungen adressiert. Stattdessen soll ein ganzer Wirtschaftszweig, der forscht, produziert, Arbeitsplätze schafft, exportiert und die sozialen Sicherungssysteme stärkt, über Gebühr belastet werden. Dabei wollen wir als Industrie in Deutschland anpacken und nicht einpacken.
Was heißt das für den Pharmastandort Deutschland?
Wenn die Pläne so umgesetzt werden, käme das einer Deindustrialisierung auf Raten gleich. Vor wenigen Monaten haben wir im Kanzleramt noch diskutiert, wie unsere Branche als Leitindustrie dazu beitragen kann, die Wirtschaft aus der Dauerkrise zu führen. Dafür brauchen wir keine Subventionen, sondern vor allem Planungssicherheit. Anstatt die zugesagten Weichen für einen international wettbewerbsfähigen Standort zu stellen, diskutieren wir nun neue Belastungen. Politische Ankündigungen und Taten dürfen sich in Deutschland nicht weiter entkoppeln. Wenn jetzt keine industriepolitische Gesamtstrategie folgt, wird Deutschland auch diesen Industriezweig an andere Länder verlieren – so wie wir bereits wichtige Industrien verloren haben.
Auch die USA, der größte Pharmamarkt der Welt und einer der teuersten aus Sicht der Verbraucher, will die Preise begrenzen.
Der entscheidende Unterschied: Während die USA über Preise diskutieren, bauen sie gleichzeitig ihre führende Stellung im Rennen um Innovationen aus. Fakt ist: Mit einem Anteil von rund 50 Prozent ist der US-Markt der globale Motor für die Finanzierung medizinischer Forschung. Deutschland kommt hingegen auf einen Marktanteil von lediglich vier Prozent. Wir profitieren seit Jahren davon, dass die Erforschung der Medizin von morgen primär über den US-Markt finanziert wird. Ein willkürlicher Preisdruck in Deutschland kann dazu führen, dass nicht mehr nur jedes dritte, sondern vielleicht bald schon jedes zweite innovative Medikament Patienten nicht mehr erreicht.
Warum sind neue Medikamente etwa gegen Krebs oder Alzheimer überhaupt so teuer?
Die Pharmaforschung ist kapitalintensiv und risikoreich. Milliarden werden investiert, lange bevor klar ist, ob am Ende überhaupt ein Medikament entsteht. Ist unsere Forschung erfolgreich, haben wir nur ein enges Zeitfenster von wenigen Jahren, in denen das Medikament patentgeschützt ist und einen neuen Forschungszyklus finanzieren kann. Danach geht das Medikament quasi in das Welterbe der Pharmazie über. Alle kostengünstigen Generika waren einmal innovative, patentgeschützte Medikamente.
Wo könnte die Ministerin besser sparen?
Innovationen sind nicht das Problem der Krankenkassen. Sie sind Teil der Lösung. Wenn moderne Tests, digitale Systeme und innovative Medikamente konsequent eingesetzt würden, ließen sich bei den Krankenkassen Effizienzpotenziale von über 20 Milliarden Euro pro Jahr heben. Das wahre Problem sind die ineffizienten Strukturen, in denen Fortschritt jeden Tag versickert und Geld verpufft.