E-Autos müssen selten geladen werden und können deshalb besonders gut auf negative Preise reagieren. © IMAGO
München – Vergangener Sonntag, 12 Uhr: Über Weilheim strahlt die Sonne, Wolfgang S. steckt sein Elektroauto an die Wallbox. In den kommenden vier Stunden bekommt er den Strom nicht nur gratis, er wird sogar fürs Laden bezahlt. 33 Cent pro Kilowattstunde (kWh) sind es in der Spitze. Am Ende des Tages hat der Elektrotechniker 53 Cent mehr auf dem Konto, leider sei die Batterie seines Fahrzeugs zu 80 Prozent voll gewesen, sonst wären es deutlich mehr gewesen. „Mein Kollege hat in der gleichen Zeit 23 Euro verdient“, sagt er. Zur gleichen Zeit mussten Autofahrer mit Verbrennern im Schnitt 2,19 Euro für den Liter Diesel bezahlen.
■ Perfekte Bedingungen
„Am Sonntag hatten wir in der Spitze eine Photovoltaik-Einspeisung von rund 11.900 Megawatt“, erklärte ein Sprecher des Netzbetreibers Bayernwerk. „Aufgrund des verbrauchsarmen Sonntags haben wir rund 5800 Megawatt in das Übertragungsnetz und damit in das europäische Stromnetz zurückgespeist.“
Ein ähnliches Bild im Rest der Bundesrepublik: Weil viele Deutsche den strahlenden Sonnenschein im Freien genossen haben, war die Nachfrage um 14 Uhr mit rund 43.000 Megawatt (MW) sehr gering. Die Erzeugung war mit 53.000 MW deutlich höher, 40.000 davon allein Solarstrom, rund 10.000 MW stammten aus Biomasse-, Laufwasser-, Kohle- und Gaskraftwerken.
■ Negative Preise
Erzeugung und Verbrauch müssen immer im Gleichgewicht sein, sonst droht ein Stromausfall. Können Überschüsse nicht exportiert werden, reagiert der Markt mit negativen Preisen: Wer Strom einspeist, zahlt eine Strafe, wer Strom entnimmt, bekommt diesen Negativ-Preis obendrauf. Das steigert den Anreiz, Strom zur richtigen Zeit zu verbrauchen und so das Netz zu stabilisieren.
■ Geld fürs Laden
Verbraucher können Teil dieses Marktes sein: Ein dynamischer Stromtarif reicht die Börsenstrompreise in Echtzeit weiter. Octopus Energy hat sich darauf spezialisiert: Laut dem Versorger waren die Strompreise am Sonntag zwischen 11.30 und 15:30 Uhr so negativ, dass Nutzer auch mit Netzentgelten und Umlagen Geld verdient haben. Durchschnittlich seien es für ein E-Auto 10 Euro Bonus gewesen. Einer von diesen flexiblen Ladern ist Wolfgang S. in Weilheim mit seinen 33 Cent pro Kilowattstunde in der Spitze.
Der Elektrotechniker hat seinen dynamischen Tarif bei der norwegischen Firma Tibber. Damit kann er gut planen: „Ich bekomme von Tibber jeden Tag um 14 Uhr die Preise für den Folgetag. Dann programmiere ich mein Energiemanagement-System so, dass es zum Beispiel den Heimspeicher für 3 Stunden zu 25 Cent die Kilowattstunde lädt.“ Das Auto muss er noch per Hand anstecken.
„Im Winter kommt es vor, dass ich abends um 10 Uhr runtergehe und es an die Wallbox hänge.“ Dann ist die Nachfrage gering – und im besten Fall viel Windstrom im Netz. Die Belohnung: preiswerte Energie. „Ich kann jedem empfehlen, sich um eine PV-Anlage und Speicher zu kümmern“, so der Elektrotechniker. „Das muss auch nicht groß sein. Ich habe auch nur 4,4 Kilowatt PV-Leistung und kaufe den Rest über den dynamischen Tarif.“
■ Kosten und Nutzen
Ein Grund, warum viele Solar- und Windkraftwerke auch bei negativen Preisen einspeisen, ist die Förderung durch das EEG-Gesetz. Denn über den Bundeshaushalt bekommen die meisten älteren Anlagen immer einen garantierten Mindesterlös. Nur Solaranlagen, die ab Februar 2025 angeschlossen wurden, bekommen bei negativen Preisen nichts mehr. Windanlagen sind bei längeren Überlastungen von der Förderung ausgenommen. Die entstehenden Strafzahlungen für Altanlagen trägt damit der Steuerzahler. Das System profitiert daher davon, wenn immer mehr Speicher und flexible Verbraucher ans Netz gehen. Davon haben beide Seiten etwas: Die Verbraucher erhalten günstigen Strom, für den Staat sinken die Förderkosten.