Wer den Ölmarkt kontrolliert

von Redaktion

Die USA sind der größte Ölproduzent der Welt. Trotzdem sind sie auf den Weltmarkt angewiesen – das lässt die Spritpreise steigen. © IMAGO

■ Europa

Anfang des Jahres betrug die globale Öl-Nachfrage 104 Millionen Barrel pro Tag. Europa braucht etwa 15 Millionen davon, fördert aber nur drei. Der Großteil stammt aus der Nordsee zwischen Norwegen und Großbritannien. Trotzdem ist Nordseeöl die wichtigste Preismarke der Welt: „Der Brent-Index dient als Referenzwert für rund 80 Prozent des globalen Ölhandels“, erklärt Linda Yu, Rohstoff-Analystin bei der DZ-Bank. „Brent gilt als Premium-Rohölsorte, weil es eine geringe Dichte aufweist und schwefelarm ist. In der Ölindustrie wird es auch als leicht und süß bezeichnet“, erklärt sie. „Dadurch lässt es sich gut zu höherwertigen Produkten wie Benzin, Diesel, Kerosin und Heizöl verarbeiten.“ Brent ist eigentlich der Name eines stillgelegten Ölfelds nördlich der Shetland-Inseln, das seit den 70ern von Shell ausgebeutet wurde. Andere Sorten schwanken je nach Qualität und Verfügbarkeit um den Wert von Brent. Wegen der hohen Importquote trifft Europa die Schließung der Straße von Hormus besonders hart: Am 1. Mai mussten Raffinerien 117 Dollar pro Barrel bezahlen, 62 Prozent mehr als vor dem Iran-Krieg. Das zeigen Daten des Preisinformationsdienstes Argus Media.

■ Die USA

Die größten Ölförderer sind mit rund 21 Millionen Barrel pro Tag die USA. Seit der Einführung des Frackings in den 2000ern decken die Staaten den Großteil ihres enormen Bedarfs von 20 Millionen Barrel rechnerisch selbst. Doch davon sind nur 13 Millionen Barrel Rohöl. Der Rest besteht aus Nebenprodukten wie dem Kochgas Propan. „Die wichtigste Referenzmarke für den US-Markt ist West Texas Intermediate (WTI)“, erklärt Linda Yu. „Es wird vor allem in Texas, New Mexiko und North Dakota gefördert.“ Das sogenannte Schieferöl zeichne sich wie Brent durch seine gute Qualität aus. Um ihren Bedarf an Kraft- und Brennstoff zu decken, sind die USA auf den Weltmarkt angewiesen: „Historisch haben die USA viel schweres Öl aus Kanada, Mexico und Saudi-Arabien importiert“, so die Analystin. „Deshalb haben sich gerade die Raffinerien an der US-Golfküste darauf spezialisiert und werden mit dem heimischen Schieferöl nicht optimal ausgelastet.“ Durch den Handel kam die Krise auch in die Staaten: Sprit ist knapp und kostet rund 30 Prozent mehr als im Februar.

■ Nahost-Region

Der zweitgrößte Förderer von Ölprodukten war Saudi Arabien mit knapp 9 Millionen Barrel pro Tag. Die gesamte Region mit den Arabischen Emiraten, dem Irak, Kuwait und dem Iran lieferte rund 30 Millionen Barrel – oder ein Drittel des Weltmarkts. „Seit dem Schieferöl-Boom in den USA liefern die Nahost-Staaten vor allem nach Asien. Deshalb ist Öl hier seit Beginn des Iran-Kriegs besonders knapp“, so Analystin Linda Yu. „Der wichtigste Referenzindex für die Region ist der Dubai Fateh.“ Durch den Krieg wurde die Region zu großen Teilen lahmgelegt: „Als der Iran die Straße von Hormus sperrte, fielen auf einen Schlag 14 bis 15 Millionen Barrel aus“, erklärt Kevin Schäfer, Deutschland-Chef von Argus Media. Die Knappheit zeigt sich an den „offiziellen Verkaufspreisen“ der arabischen Förderer. Das sind die Preisaufschläge auf den Weltmarktpreis, die sich nach der Zahlungsbereitschaft in der Lieferregion richten. Laut Commerzbank müssen asiatische Länder im Mai einen rekordhohen Aufschlag von 20 Dollar pro Barrel Öl aus Saudi Arabien gegenüber dem Brent und damit dem Weltmarkt bezahlen. Für Europa sind es 28 Dollar.

■ Russland

Russland ist mit rund 11 Millionen Barrel Rohöl und Nebenprodukten einer der wichtigsten Förderer der Welt. Das entspricht einem Marktanteil von rund 10 Prozent. Die Referenzsorte für das Öl heißt Urals und ist eine mittelschwere, eher schwefelhaltige Mischung. Historisch wurde viel davon per Pipeline nach Europa geliefert. Nach dem Beginn der westlichen Sanktionen wurden diese Ströme fast vollständig per Schiff in Länder wie China, Indien oder die Türkei umgeleitet. „Die Raffinerien in China und Indien sind auf schweres, saures Öl spezialisiert, weil das günstiger ist“, erklärt Linda Yu. „Deshalb können sie das Öl aus Russland gut verwerten.“ Trotzdem musste die Föderation durch die Sanktionen teilweise Abschläge von 40 Dollar zu Brent hinnehmen. Der Iran-Krieg ist ein Glücksfall für den Kreml: Im Februar konnte er an indischen Häfen gerade so 60 Dollar pro Barrel erlösen, zeigen Daten von Argus Media. Am 1. Mai war es doppelt so viel.

■ Venezuela

„Das sogenannte Merey-Öl, das vor allem in Venezuela vorkommt, ist sehr schwer und sauer“, erklärt Linda Yu. „Für die Verarbeitung braucht man spezialisierte Raffinerien, wie sie etwa in den USA stehen.“ Bisher spielt das Land aber kaum eine Rolle, deckt nur ein Prozent des Weltmarktes ab. Es gibt aber Kräfte, die das Potenzial erschließen wollen: „China hat über Jahre viel Geld in Lateinamerika investiert, um unter anderem seine Rohstoff- und Energieversorgung zu sichern und zu diversifizieren“, so die Analystin. „Peking hat sich in den Monaten vor Ausbruch des Iran-Kriegs auch üppige Ölreserven aufgebaut, um sich auf eine mögliche Ausweitung internationaler Konflikte vorzubereiten.“ Sogar im März hatte China seine Lager noch gefüllt. Pekings Griff nach Südamerika sei mitunter ein Grund für die Absetzung von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro durch die USA: „Donald Trump wollte den zunehmenden Einfluss Chinas zurückdrängen“, sagt Yu.

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