Obermeister Olaf Zimmermann hat einen Brief an Markus Söder geschickt: Schüler brauchen keine Symbolpolitik, sondern Förderung und praxisnahe Lehrpläne. © Marcus Schlaf
München – Gegenwind für die Staatsregierung: Am Mittwoch hatte das Kultusministerium eine Verordnung erlassen, die bei Schulfeiern das Singen der Bayernhymne in „würdig-feierlicher“ Weise verlangt – dazu mindestens die Deutschland- oder die Europa-Hymne. Umgehend haben Münchner Heizungsbauer eine Antwort an Markus Söder geschickt: Schulen hätten andere Probleme, so der Tenor. Die Handwerker beschreiben ein System, das Schüler oft im Stich lässt – und zunehmend schlecht auf den Beruf vorbereitet.
„Gemeinsame Rituale, wie beispielsweise das Singen einer Hymne, können verbinden“, schreiben Olaf Zimmermann, Obermeister der Innung Spenger, Sanitär- und Heizungstechnik in München, und Ralf Suhre, Geschäftsführer des Verbands. Doch Lehrer berichteten von Zuständen, „die sich durch symbolische Maßnahmen sicher nicht lösen lassen.“ Die Handwerker legen den Finger auf die Wunde: „Kinder, die offen sagen, dass sie nicht wissen, wo sie lernen sollen“, oder „Schüler, die übermüdet erscheinen oder ohne Frühstück in den Unterricht kommen.“ Nicht nur das: „Konflikte werden häufig nicht durch Gespräche gelöst, sondern durch Drohung oder Gewalt.“ Lehrer berichten, „dass sie immer mehr Zeit darauf verwenden, Konflikte zu entschärfen, Gespräche mit Eltern zu führen oder familiäre Probleme aufzufangen.“ Die Folge: „Unterricht muss jeden Tag neu erkämpft werden.“
Eine Lehrerin aus einer bayerischen Mittelschule habe berichtet, ihr Arbeitsalltag beginne damit, erst einmal fünf bis 15 Minuten allein darauf zu verwenden, eine „arbeitsfähige Situation“ in Klassenzimmer herzustellen. Schülerinnen und Schüler kämen ohne Struktur in den Raum, Konflikte aus der Pause würden hineingetragen, verbale Aggressionen seien alltäglich, manchmal komme es auch zu körperlichen Auseinandersetzungen. „Unterricht muss täglich neu erkämpft werden.“
Denn viele Schüler hätten kein Umfeld, das ihnen eine gesunde Entwicklung ermöglicht: „Gleichzeitig schildern Eltern ihre eigene Überforderung. Manche fühlen sich vom System allein gelassen, andere sind kaum erreichbar oder selbst strukturell überfordert. Es gibt familiäre Konstellationen, die regional bekannt sind und über Jahre hinweg immer wieder zu massiven Konflikten im Schulalltag führen.“ Diese Berichte stammen häufig von Mittelschulen: „In anderen Schulformen wird weiterhin eine enorme Stofffülle vermittelt“, schreiben die Handwerker. „Schüler lernen schnell, auswendig und punktgenau und vergessen ebenso schnell wieder“. Von einer Lernpraxis „mit starkem Lebenswelt- und Praxisbezug sind viele Schulen weit entfernt.“
Marode Gebäude, überfordertes Personal und eine Politik des Verschweigens verschlimmerten das Geschehen: „Wenn Kinder sich nicht einmal in die sanitären Einrichtungen trauen, ist das mehr als ein Schönheitsfehler – es ist eine Frage der Würde.“
Das System sei kaum kritikfähig: „Viele Lehrkräfte äußern sich öffentlich nur vorsichtig“, berichten die Handwerker, „als Staatsbedienstete bewegen sie sich in einem engen Rahmen.“ Doch hinter verschlossenen Türen gebe es deutliche Worte: „Erschöpfung, Frustration, Ohnmacht. Berichte von Lehrerverbänden bestätigen, dass Gewaltvorfälle, Respektlosigkeit und psychische Belastung zunehmen.“
Ausbaden müssten es die Betriebe: „Bevor fachliche Inhalte vermittelt werden, müssen grundlegende Kompetenzen aufgebaut werden: Struktur im Alltag, Verlässlichkeit, Frustrationstoleranz, respektvolle Kommunikation. Betriebe werden damit immer häufiger zu Reparaturstellen gesellschaftlicher und bildungspolitischer Versäumnisse.“
Vor diesem Hintergrund rügen die Handwerker den bayerischen Hymnen-Zwang: „Schulen brauchen keine symbolischen Rituale. Sie brauchen realistische Lehrpläne, Zeit für echte Werte- und Demokratiebildung, stabile, multiprofessionelle Teams, funktionierende Infrastruktur, stärkere Praxisbezüge und Kooperationen mit Betrieben sowie eine ehrliche Debatte darüber, welche Aufgaben Schule leisten kann und welche nicht. Vor allem aber brauchen sie politische Prioritäten, die sich an der Realität orientieren.“MAS