Andrea Orcel, Vorstandschef der italienischen Großbank Unicredit, will nach der HypoVereinsbank nun auch die Commerzbank übernehmen. © Maurizio Maule/IMAGO
Der Ton zwischen Frankfurt und Mailand wird rauer. Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp glaubt, dass sie im Übernahmepoker gute Karten hat. © Boris Roessler/dpa
Frankfurt – Seit Monaten stemmt sich die Commerzbank gegen eine Übernahme durch die Unicredit. Die Vorstandsvorsitzende Bettina Orlopp ist überzeugt, dass sie die bessere Strategie hat. Im Interview erklärt die Bankchefin, wie sie die Unabhängigkeit der Commerzbank mehr als 150 Jahre nach deren Gründung retten will – und wie sie den Machtkampf mit Unicredit-Chef Andrea Orcel erlebt.
Sie haben bei der Commerzbank die Gewinne und den Aktienkurs nach oben getrieben und trotz Stellenabbau die Belegschaft hinter sich gebracht. Nun liegt das Übernahmeangebot der Unicredit auf dem Tisch. Wie fühlt es sich an, plötzlich die Getriebene zu sein?
Die Unicredit-Situation begleitet uns in Wellen seit deren Einstieg. Mit dem Angebot Mitte März ist die Commerzbank in der Tat noch stärker im Fokus. Aber Getriebene? Nein. Wir hatten 2025 das beste operative Ergebnis in der Geschichte der Bank und sind auch sehr erfolgreich ins neue Jahr gestartet. Wenn man das mit Wettbewerbern vergleicht, müssen wir uns überhaupt nicht verstecken. Diese Bank lässt sich davon sicher nicht kirre machen.
Können Sie sich in dieser zugespitzten Lage Gesprächen mit der Unicredit überhaupt verweigern?
Wir haben uns nie Gesprächen verweigert. Das Übernahmeangebot der Unicredit ist de facto eine Schrumpfungs-Strategie für unser Geschäftsmodell und beinhaltet wenig Information zu einer möglichen Kombination. Vorschläge dieser Art hätte die Unicredit in den vergangenen 20 Monaten bequem in den zahllosen Investorengesprächen vorbringen können. Das Angebot finden viele unserer Investoren einfach unattraktiv. Wir haben ein gut funktionierendes Geschäftsmodell, wenn es darum geht, den Mittelstand ins Ausland zu begleiten. Niemand will, dass das ohne Not eingestellt wird, nur weil das Geschäftsmodell der Unicredit ein anderes ist.
Sie bauen weitere 3000 Stellen ab, nachdem erst 2025 der Abbau von 3900 Jobs angekündigt worden war. Ist das besser als der Kahlschlag, den viele fürchten, sollte Orcel sich durchsetzen?
Bei der Unicredit reden wir geschätzt eher über 10.000 bis 11.000 Stellen bis 2030. Die Transformationsvereinbarung, die wir vergangene Woche gemeinsam mit dem Betriebsrat beschlossen haben, sieht 3000 Stellen brutto vor. Das ist ein ziemlicher Unterschied. Wir haben gemerkt, dass KI noch schneller und mit mehr Kraft kommt, als wir das ursprünglich im Februar 2025 gesehen haben.
Wie viele der 3000 Jobs, die nun abgebaut werden, gehen auf Künstliche Intelligenz zurück?
Das ist ein sehr großer Teil. KI ist sehr kraftvoll in verschiedenen Bereichen, wobei wir die Effekte durch Wachstum abfedern. Wir gehen zum Beispiel an die Kapazitäten bei externen Call-Centern ran. Das Gleiche gilt für das IT-Umfeld, wo wir noch viele Externe einsetzen.
Können Sie betriebsbedingte Kündigungen ausschließen?
So, wie unsere Demografie in der Bank ist, werden wir diesen Prozess maximal sozialverträglich gestalten. Dazu setzen wir unter anderem auf Altersprogramme und natürliche Fluktuation.
Sie wollen bis 2030 den Gewinn verdoppeln und die Rendite auf 21 Prozent erhöhen. Wie viel Orcel steckt in diesen ambitionierten Zielen?
Den Strategieprozess haben wir völlig unabhängig von der Unicredit gemacht. Die Zahlen, die die Unicredit vorgelegt hat, haben wir erst am 20. April gesehen, da war unsere Planung bis 2030 nahezu abgeschlossen. Wir sagen auch nicht, dass wir wie durch Wunderhand 2030 dann 21 Prozent Eigenkapitalrendite erwirtschaften. Unser Anspruch mit unserer Strategie ist eine konstante Verbesserung, die wir im Übrigen schon seit 2021 und Jahr für Jahr verlässlich bewiesen haben.
Es gab Gerüchte, der Bund könnte seinen Commerzbank-Anteil aufstocken. Würden Sie sich mehr Hilfe aus Berlin wünschen im Ringen mit der Unicredit?
Die Bundesregierung hat die Punkte klargemacht, die an dieser Situation so schwierig sind. Und als Aktionär hat sie dazu auch jedes Recht. Es ist erstaunlich, dass das die Unicredit nicht zu interessieren scheint, weil am Ende manche Strukturmaßnahmen schwierig sind, wenn ich einen so großen Minderheitsaktionär habe. Dazu kommt: Wir sind die Bank für den deutschen Mittelstand und begleiten unsere Kunden auch ins Ausland. Da kann man sich schon Sorgen machen, was das für den Standort bedeuten könnte.
Seit Jahren wird darüber geredet, wir bräuchten größere Banken, auch um der US-Konkurrenz etwas entgegenzusetzen. Von der EZB kam jüngst relativ deutliche Kritik am Widerstand der Bundesregierung gegen die Unicredit.
Die Bundesregierung hat nie gesagt, dass sie keine Transaktion will. Deswegen läuft diese Kritik ins Leere, denke ich. Sie hat immer gesagt, die Art und Weise des Vorgehens sei inakzeptabel. Was die EZB angeht, waren wir schon überrascht. Eigentlich ist die EZB ja bemüht, auf Stabilität und Sicherheit zu achten. Da mutet es schon seltsam an, dass es von einzelnen Vertretern eine anscheinend offene Unterstützung für einen Angang gibt, der eine Destabilisierung zum Ziel hat.
Was war das Emotionalste, was im Vorstand zum Thema angekommen ist?
Das war diese Social-Media-Kampagne gegen die Commerzbank. Das hat viel Kopfschütteln und Emotionen ausgelöst. Wir dachten erst, das ist Fake. Wir haben die Aufsichtsbehörden dann auch umgehend informiert, nachdem wir festgestellt haben, dass es kein Fake ist. Es war wichtig, schnell zu reagieren.
Gibt es in dem Übernahmeringen für Sie einen Punkt, wo Sie sagen, es reicht, ab hier ohne mich?
Die Frage stellt sich nicht. Ich habe eine Verantwortung und die fühle ich auch für diese Bank. Eine Verantwortung für die Eigentümer, aber eben auch für die Kunden und für die Mitarbeitenden. Ich werde mich nicht verstecken.
Wie sieht Ihre berufliche Zukunft aus, wenn die Commerzbank doch übernommen würde?
Darüber mache ich mir keine Gedanken. Grundsätzlich sollte man sich ohnehin nicht so wahnsinnig wichtig nehmen. Das hilft auch immer.