Starlink-Start von Cape Canaveral: Starlink befördert kommerzielle Satelliten ins All. Das ist der konservative Teil von Musks Projekten. © Imago/Paul Hennessy
New York – Man kann Tech-Milliardär Elon Musk vieles vorwerfen, aber nicht, dass es ihm an Visionen mangele: Der Börsen-Prospekt für den Mitte Juni geplanten Mega-Börsengang von SpaceX liest sich jedenfalls an manchen Stellen, als sei der schillernde Gründer beim Science-Fiction-Serien-Schauen eingeschlafen: von einer permanenten Menschenkolonie auf dem Mars mit einer Million Einwohnern ist da die Rede. Vom Rohstoff-Abbau auf Asteroiden und der Energieerzeugung auf dem Mond. Geradezu alltäglich klingen da die Pläne für den Bau orbitaler Rechenzentren im Weltraum, mit Solarenergie betrieben und im Vakuum des Alls gekühlt.
■ Der Markt richtet sich auf Rekorde ein
Mit dem angestrebten Emissionsvolumen von 75 Milliarden US-Dollar würde der Tech-Konzern den bislang größten Börsengang der Geschichte, den des saudischen Ölriesen Aramco aus dem Jahr 2019, locker in den Schatten stellen. Die angepeilte Marktkapitalisierung von 1,75 bis 2,0 Billionen US-Dollar brächte SpaceX aus dem Stand in den exklusiven Kreis der wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt.
Beobachter überschlagen sich: Von einem finanziellen Jahrhundertereignis spricht etwa Jens Klatt vom Frankfurter Broker XTB. Gründer Musk könnte das spektakuläre Debüt zum ersten Dollar-Billionär der Welt machen. Allerdings ist die volle Aktien-Zuteilung an Bedingungen geknüpft: etwa daran, dass die Bewertung des Unternehmens auf 7,5 Billionen Dollar (umgerechnet 6,45 Billionen Euro) steigt. Oder eben die erfolgreiche Mars-Kolonialisierung.
SpaceX habe sich von einer reinen Raketen-Manufaktur zu einem vertikal integrierten Technologie-Ökosystem entwickelt, das Satelliten-Internet, künstliche Intelligenz, globale Verteidigungsinfrastruktur und künftige weltraumbasierte Rechenzentren umfasst, lobt Klatt. Von einer gigantischen Infrastrukturwette auf KI, Daten, Kommunikation und Weltraumtechnologie sprechen Wall-Street-Analysten.
Anders als viele große Börsengänge richtet sich der von SpaceX auch an Privatanleger: Bis zu 30 Prozent des gesamten Emissionsvolumens sollten für sie reserviert werden.
■ Starlink ist die Perle des Tech-Bauchladens
Als Perle des riesigen Tech-Bauchladens gilt der Satelliten-Internetdienst Starlink: das weltweit größte Satellitenkommunikationsnetz ist zugleich der wichtigste, wenn nicht der einzige Profitbringer. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die Sparte laut Börsenprospekt Umsätze von 11,4 Milliarden Dollar und einen Betriebsgewinn 4,4 Milliarden Dollar. Nicht zuletzt dank der Vergütung über Abonnements liefere Starlink stabile, wiederkehrende Cashflows, die die kapitalintensiven Mars-Ambitionen des Konzerns querfinanzieren sollten, sagt Klatt.
Über annähernd 10.000 Satelliten im Erdorbit versorgt Starlink bereits heute etwa zehn Millionen Kunden weltweit mit Internet. Sinkende Raketen-Startkosten könnten den Zugang günstiger machen, als es traditionellen Anbietern mit ihren Glasfasernetzen möglich ist.
Das ursprüngliche Kerngeschäft – der Bau und Start von Raketen – ist dagegen stark abhängig von staatlichen Aufträgen. Dennoch dominiert der Konzern den kommerziellen Markt für Raketenstarts. Technologisch gebe es derzeit wenig ernsthafte Konkurrenten, heißt es. Das Potenzial für Weltraumtechnik scheint gewaltig: Laut Musks Börsenprospekt wartet ein Gesamtmarkt von 28,5 Billionen US-Dollar – beinahe so viel wie die gesamte jährliche Wirtschaftsleistung der USA.
Ohne Risiken bleibt das Börsen-Spektakel dennoch nicht: Da ist zum einen die extrem hohe angestrebte Bewertung, die dem 140-Fachen des Umsatzes von 2025 gleichkäme und riesige Erwartungen weckt.
Außerdem zeigt der Börsenprospekt die Höhe der Verluste, die der Konzern bislang einfährt: Allein im ersten Quartal 2026 verzeichnete SpaceX bei einem Umsatz von 4,7 Milliarden Dollar einen Verlust von 4,3 Milliarden Dollar.
Als Sorgenkinder gelten zwei von Musk gegründete Firmen, die SpaceX erst kürzlich übernommen hat, womöglich, um sie aufzufangen: die Plattform X, früher Twitter, und das KI-Unternehmen xAI. Laut Emissionsprospekt fuhr allein das KI-Geschäft im vergangenen Jahr einen Betriebsverlust von 6,4 Milliarden Dollar ein. Schuld sind enorme Aufwendungen für den Aufbau von Rechenzentren.
■ Dividende soll es fürs Erste keine geben
Sorgen bereitet den Fans von Musks Projekten auch eine mögliche Konkurrenz zu dem Unternehmen, das bislang vor allem für seine kühnen Ideen stand: dem E-Autobauer Tesla. Hier materialisierten sich Musks Vorstellungen von Künstlicher Intelligenz, Robotik und Automatisierung. Die noch aufregendere Börsen-Story könnte jetzt Aufmerksamkeit und Milliarden abziehen.
Und noch etwas missfällt kritischen Beobachtern: Musk behält trotz Börsenplatzierung weitgehend die Kontrolle über das Unternehmen. Er soll außerdem Konzernchef, Technikvorstand und Verwaltungsratsvorsitzender bleiben. Auf eine schnelle Rendite dürfen Anleger ohnehin nicht hoffen: SpaceX teilte mit, auf absehbare Zeit keine Dividenden an die künftigen Aktionäre zahlen zu wollen.SABINE RÖSSING