Josef Fleischmann ist einer von drei Gründern des Start-ups Isar Aerospace mit Sitz in Ottobrunn. © Astrid Schmidhuber/vbw
Start der Spectrum Launch 3 am norwegischen Weltraumbahnhof Andoya. © isar aerospace
Ottobrunn – Geboren in Freising, auf dem Weg zu den Sternen: Josef Fleischmann (35) ist einer der drei Gründer von Isar Aerospace. Die Ottobrunner Raketenschmiede will schon bald einen weiteren Startversuch ihrer Spectrum-Rakete wagen. Schafft sie es dieses Mal in den Orbit? Weshalb ist es ein Erfolg, wenn eine Rakete nach 30 Sekunden in der Luft explodiert? Wie wird man eigentlich Raketeningenieur? Und will Isar Aerospace so wie SpaceX an die Börse? Das haben wir Fleischmann gefragt.
Herr Fleischmann, Bayern ist Autoland. Glauben Sie, dass der Freistaat auch mal ein Raketenland werden kann?
Bayern ist schon ein Raketenland. Neben uns gibt es noch viele andere Firmen. Wir haben die Raumfahrt im Freistaat also nicht erfunden. Aber wir haben sie ganz groß mit auf die Landkarte gebracht. Und ich denke, die Branche tut dem Land gut – die Autoindustrie kriselt im Moment ja ganz schön.
Die Raumfahrt könnte da in die Bresche springen?
Sie könnte dem Freistaat zumindest ein weiteres wirtschaftliches Standbein geben und tausende Arbeitsplätze schaffen. Im Moment gibt es einen relevanten kommerziellen Anbieter für Raketenstarts auf der Welt: SpaceX aus den USA von Elon Musk. Wollen Firmen oder Staaten Satelliten ins All schießen, sind sie mehr oder weniger auf Musk angewiesen – und der bestimmt den Startzeitpunkt und die Kosten. Weltweit wird deshalb fieberhaft versucht, ein zweites SpaceX zu erschaffen. Wieso sollte es nicht in Bayern entstehen?
Gibt es überhaupt genügend Nachfrage nach Raketen?
Definitiv. Der Bedarf ist gigantisch. Kommunikation, Militär, Erdbeobachtung, autonome Fahrzeuge – all das wird über Satelliten gesteuert und die müssen ins All geschossen werden. Bei der Raumfahrt geht es also längst nicht mehr nur um Forschung. 2025 gab es etwa 330 Raketenstarts, mehr als die Hälfte davon war von SpaceX, weniger als zehn von europäischen Raketen. Das kann ja nicht unser Anspruch sein, da ist viel Luft nach oben. Wir haben jetzt schon mehr Anfragen von Firmen und Staaten als mögliche Starttermine in den kommenden Jahren.
In Parsdorf bei München bauen Sie gerade eine Raketenfabrik. Muss man sich das wie eine Autofabrik vorstellen?
Wir wollen weg von der langwierigen staatlichen Einzelfertigung hin zu einem skalierbaren Produkt, das industriell produziert wird. Die Autobranche ist da sicher ein Vorbild. Trotzdem gibt es Unterschiede: Bei BMW in München läuft etwa alle 90 Sekunden ein Auto vom Band, bei uns werden es 40 Spectrum-Raketen pro Jahr sein. Das heißt: Etwa einmal pro Woche rollt künftig ein Lkw mit einer Rakete aus der Fabrik. Für die Raumfahrt ist das eine extrem schnelle Taktung. So etwas kann bisher nur SpaceX.
Wann startet die Produktion in Parsdorf?
Die Halle ist fertig und in der zweiten Jahreshälfte geht es dort richtig rund: Gerade läuft der Umzug, die Anlagen und Maschinen werden geliefert und aufgestellt. Dann können wir auch schon loslegen.
Dafür müssen sie erst eine Rakete in den Orbit schießen. Bei ihrem ersten Start im März 2025 explodierte die Rakete nach 30 Sekunden. Im Internet gab es viel Häme, Sie feiern das als Erfolg. Warum?
Der größte Kostenfaktor bei der Entwicklung ist Zeit. Nichts ist teurer als ewiges Herumfeilen. Deshalb war unser Ansatz, möglichst schnell eine Rakete zu starten, Daten zu sammeln und dann zu schauen, was man noch verbessern muss, damit sie wirklich den Orbit erreicht. Das hat super geklappt. Die meisten Systeme haben schon beim ersten Start perfekt funktioniert und wir wissen jetzt, an welchen Stellschrauben wir drehen müssen. Obwohl wir 2018 als Studenten mit einem weißen Blatt Papier angefangen haben, sind wir viel schneller als die Entwicklung der Ariane 6.
In Deutschland wird gerne perfektioniert. Der falsche Ansatz?
Einfach machen ist zumindest der moderne Entwicklungsansatz. Damit überholen uns das Silicon Valley und China gerade links und rechts.
Bei ihrem zweiten Versuch im März ist ein Fischerboot vorbeigeschippert, weshalb der Start abgebrochen werden musste. Was denkt man da?
Das war natürlich ärgerlich, ist aber fast jedem Raketenunternehmen schon passiert. Andoya Spaceport wird die Sicherheitsvorkehrungen erhöhen, damit das hoffentlich kein zweites Mal passiert.
War das eine Protestaktion?
Nein, wir sind in einem sehr guten Austausch mit den Menschen auf Andoya.
Und wann steht der nächste Start an?
Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Wir wollen wieder so weit kommen, wie es geht. Ob wir es schon in den Orbit schaffen, müssen wir sehen. Auch SpaceX hat dafür vier Versuche gebraucht.
Raketen üben auf Kinder eine riesige Faszination aus. Waren Sie als Kind Weltraumfan? Hatten Sie einen Raketenschlafanzug?
Einen Raketenschlafanzug hatte ich nicht, aber ich war immer technikaffin. Als Kind habe ich aus Colaflaschen Raketen mit Wasserantrieb gebastelt, die 200 oder 300 Meter hoch fliegen. Man muss sich beim Start aber weit wegstellen und höllisch aufpassen, dass man sich die Dinger nicht selbst an den Kopf schießt. Bitte nicht nachmachen!
Das war der Anfang?
Genau. Ich habe dann meine Leidenschaft zum Beruf gemacht und Raketentechnik an der TU München studiert. Isar Aerospace ist ja eine Ausgründung aus der TUM. Schon im ersten Semester haben wir mit einer Studentengruppe Raketenmotoren gebaut, später in Brasilien als erste Studenten mit einer Rakete die Schallmauer durchbrochen, auch Satelliten haben wir konstruiert, zwei davon sind sogar ins Weltall geflogen. Als Student haben wir dann den Hyperloop-Wettbewerb von SpaceX gewonnen. So haben wir auch unseren ersten Investor Bulent Altan kennengelernt, der damals Vizepräsident bei SpaceX war.
SpaceX geht Mitte Juni an die Börse. Für Sie auch eine Option?
Das ist bei uns aktuell kein Thema.
Haben Sie einmal überlegt, in die USA zu gehen?
Das war maximal ein flüchtiger Gedanke, weil man dort natürlich mehr Kapital zur Verfügung hat. Aber das Ökosystem in München ist Weltklasse und Europa braucht uns.
Weshalb?
Raketen und Satelliten sind keine Spielerei. Sie sind Wirtschaftsfaktor und Sicherheitsgarant. Europa ist bei Forschung und Hightech spitze, trotzdem haben wir uns in vielen Bereichen abhängen lassen. Beim Zugang zum Weltraum sollte uns das nicht passieren. Seit dem Krieg in der Ukraine haben das auch viele Politiker verstanden. Ohne Aufklärung und Kommunikation aus dem Weltraum würde die Ukraine militärisch viel schlechter dastehen, als sie das heute tut. Aber nur ein Bruchteil der etwa 15.000 Satelliten im All ist europäisch und über 97 Prozent des Raketenstarts sind amerikanisch, chinesisch, indisch oder russisch. Europa braucht mehr als acht eigene Starts pro Jahr, um souverän zu sein. Dafür treten wir an.
Schon heute kommen 60 Prozent der Aufträge für Ihre künftigen Starts vom Militär, ein Fonds für Risikokapital der Nato ist bei Ihnen eingestiegen und Deutschland hat jetzt ein Ministerium für Raumfahrt. Tut sich da genug?
Viele glauben, wir seien ein staatliches Projekt, das stimmt aber nicht. Wir sind fast komplett privat finanziert. Dass sich jetzt ein Ministerium mit Raumfahrt beschäftigt, ist ein positives Signal. Wir müssen aber an einigen Stellen noch schneller werden. Es gibt die Erkenntnis für die Relevanz der Raumfahrt in der Politik, und auch immer wieder Absichtsbekundungen der Politik, das muss sich nun noch in Aufträge übersetzen.