Die Märkte horchen auf jeden Ton

von Redaktion

Blick hinter die Kulissen vor der Zinsentscheidung – Stabile Preise der Hauptauftrag

EZB-Präsidentin Christine Lagarde auf dem Weg zur Pressekonferenz: Schaut sie besorgt? Hebt sie die Augenbraue? Welche Worte wählt sie? In diesen Minuten ist sie die am meisten beobachtete Frau der Welt. © George Christoforou/EPA

Frankfurt – Am kommenden Donnerstag ist es wieder soweit: Die Augen der Finanzwelt richten sich auf die Zentrale der Europäischen Zentralbank im Frankfurter Ostend. Hier treffen sich – wie alle sechs Wochen – die Mitglieder des EZB-Rats, des obersten Entscheidungsgremiums der Notenbank. Sie müssen über eine Erhöhung, Beibehaltung oder Senkung der Leitzinsen beschließen. Das ist ihre wichtigste Aufgabe: den Wert des Geldes stabil halten.

Die Tragweite

Für die Wirtschaft der EU-Mitgliedsländer hängt viel ab von der Urteilsfähigkeit der Notenbanker und ihrer aktuellen Präsidentin, Christine Lagarde: Wenn Zinsen steigen, werden Kredite teurer. Unternehmen verschieben Investitionen, Verbraucher größere Anschaffungen. Die sinkende Nachfrage bremst den Anstieg der Preise – aber auch die Konjunktur.

In diesen Tagen erwarten die geldpolitischen Beobachter übereinstimmend, dass die europäische Notenbank die Zinsen anheben wird: Der Iran-Krieg hat die Energiepreise in die Höhe schnellen lassen. Transport, Landwirtschaft, Industrieproduktion und Dienstleistungen verteuern sich. Diese Kosten landen am Ende bei den Verbrauchern: Die Inflation zieht an.

Die Vorbereitung

Weil so viel von ihr abhängt, wird jede Zinsentscheidung akribisch vorbereitet. Um eine Entscheidungsgrundlage zu schaffen, aktualisieren die EZB-Fachabteilungen im Vorfeld wichtige Wirtschafts- und Finanzdaten: Preis- und Konjunkturentwicklung, Kreditkonditionen für Unternehmen und Privatkunden, die Entwicklung von Löhnen und Konsumentenerwartungen.

Trotz der minutiösen Vorarbeit können einer Zinsentscheidung kontroverse Debatten vorausgehen. Im Augenblick etwa treffen die äußeren Schocks die EU-Mitgliedstaaten unterschiedlich heftig. Inflation und wirtschaftlicher Druck wachsen nicht überall gleich schnell. Deshalb gehen auch die Erwartungen an die Notenbank auseinander. „Steigende Unsicherheit durch externe Risiken erhöhen den Abstimmungsbedarf im EZB-Rat“, sagt die Geldpolitik-Expertin Kerstin Bernoth vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): „Jedes Ratsmitglied reist auch mit einer eigenen Agenda und eigenem Zahlenmaterial an. Jeder hat auch die nationale Brille auf.“

Welches Ratsmitglied welche Position vertreten hat, sagt Lagarde auf der anschließenden Pressekonferenz nie: „Leider erfahren wir sehr wenig über die Meinungsverschiedenheiten im EZB-Rat“, kritisiert Volker Wieland, Professor am Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS) der Goethe Universität Frankfurt.

Der Zeitplan

Auch um zu vermeiden, dass Spekulationen ins Kraut schießen, folgt das Geschehen am Tag der Zinsentscheidung einem straffen und immer gleichen Zeitplan. Um Viertel nach zwei veröffentlicht der Rat seinen Zins-Beschluss in einer Meldung. Eine halbe Stunde später startet die Pressekonferenz. Das einleitende Statement, das Lagarde vorliest, ohne vom Text abzuweichen, und die kurze Fragerunde verfolgen knapp zwei Dutzend Journalisten vor Ort. Etwa noch einmal so viele sind digital zugeschaltet. Analysten und Ökonomen weltweit folgen dem Geschehen auf YouTube.

Überraschungen sind eher nicht willkommen, denn sie könnten Schockwellen durch die sensiblen Finanzmärkte schicken. Je weniger Lagarde von den Erwartungen der Beobachter abweicht, umso moderater fallen die Markt-Reaktionen aus. Börsianer mögen Entwicklungen, auf die sie sich vorbereiten können. „Immer dann, wenn die Märkte die Reaktion der EZB gut verstehen, sind ihre Entscheidungen besonders wirkmächtig“, sagt Wieland.

Die Formulierung

Dabei erspüren Händler auch kleinste Unterschiede in den Formulierungen: Die Ökonomin Bernoth analysiert die Statements mithilfe eines Sprachmodells, das auf die EZB-Kommunikationen feinabgestimmt wurde. Ihre Beobachtung: Lagarde setze zunehmend ‚falkenhaftere‘ Signale. Darunter verstehen die Finanzexperten eine eher restriktive, auf Inflationsbekämpfung ausgerichtete Haltung, die notfalls zu Zinserhöhungen tendiert.

Die EZB-Präsidentin wird in den Minuten, in denen sie vor der EU-blauen Leinwand im Presse-Briefing-Room steht, so intensiv beäugt wie nur wenige Menschen auf der Welt: Welche Worte wählt sie, wie betont sie, wo hält sie vielleicht kurz inne?

Forscher der Universität Gießen untersuchten gar, welche Wirkung Mimik und stimmliche Emotionen von Lagarde und ihrem Vorgänger Mario Draghi auf die Finanzmärkte haben. Eine Gesichtserkennungs Software erfasste Stirnrunzeln, das Heben einer Augenbraue oder ein Lächeln – eine andere Software maß Tonfall und Emotionalität im sorgfältig vorgelesenen Text. Das Ergebnis wurde mit den Kursentwicklungen im Anschluss an die jeweiligen Entscheidungen abgeglichen. Ergebnis: Draghis und Lagardes Gesichtsausdruck hätten einen messbaren Einfluss auf die Renditen von Staatsanleihen, den Euro-Wechselkurs und sogar Aktienkurse.

Die Zwickmühle

Im Augenblick könnte die Ausgangslage kaum schwieriger sein: Die Wirtschaft im Euroraum lahmt, Iran-Krieg und steigende Energiepreise verschärfen den Preisanstieg. Bei derart unsicheren Konjunkturaussichten würde eine Zentralbank die Zinsen normalerweise nicht erhöhen. Gleichzeitig muss die EZB aber unter allen Umständen den Eindruck vermeiden, nicht entschlossen genug zu reagieren.

Florian Heider, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE in Frankfurt: „Der Kurs, den die EZB fährt, darf nicht als Ratlosigkeit interpretiert werden“. Von einem Balance-Akt spricht Bernoth: „Es ist wichtig, Unsicherheit und Nervosität der Märkte einzufangen“. Gerade jetzt, sagt die DIW-Wissenschaftlerin, brauche die Finanzwelt von der EZB Signale der Verlässlichkeit, „einen Anker in unruhigem Wasser“.SABINE RÖSSING

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