INTERVIEW

SpaceX ist „too big to fail“

von Redaktion

Fondsmanager Georg Wallwitz über den Börsengang von Musks Raketenfirma

Elon Musk hat Tesla und SpaceX gegründet. © Imago

Die Starship-Rakete von SpaceX startete im Mai zu einem weiteren Testflug. Ob auch die Aktie abhebt, steht noch in den Sternen. © afp/Imago

München – Es dürfte der größte Börsengang aller Zeiten werden: Am morgigen Freitag bringt Elon Musk seine Weltraumfirma SpaceX an die Börse und peilt eine Bewertung von 1,75 bis 2 Billionen Dollar an. SpaceX wäre damit auf einen Schlag unter den weltweit wertvollsten Firmen auf Platz 6, nach Nvidia, Alphabet, Apple, Microsoft und Amazon. Nicht nur das verspricht Spektakel, Musk ist auch für skurrile Auftritte berüchtigt. Was erwartet uns? Das haben wir den Fondsmanager Georg Wallwitz gefragt, Gründer von Eyb & Wallwitz. Die Münchner Fondsgesellschaft verwaltet etwa 2,5 Milliarden Euro an Kapital.

Herr Wallwitz, am Freitag geht SpaceX von Elon Musk an die Börse. Dürfen wir ein Spektakel erwarten?

Elon Musk wird SpaceX mit Fanfaren und Trompeten an die Börse bringen – schon allein, weil sich der Börsengang auch an Kleinanleger richtet. Die treuesten Aktionäre von Tesla sind nicht professionelle Investoren, sondern Privatanleger. Bei SpaceX dürfte das ähnlich werden. Manche Anleger sind fast schon fanatische Fans der Marke und ihres Gründers Elon Musk – und sie erwarten von ihm eine große Show und gute Unterhaltung. Wir müssen also mit allem rechnen.

SpaceX macht nur 19 Milliarden Dollar Jahresumsatz, soll aber nach dem Börsengang mindestens 1,75 Billionen wert sein. Wie passt das denn bitte zusammen?

Mit klassischen Bewertungskriterien kommt man da nicht mehr weiter. SpaceX wäre damit 100-mal so wertvoll wie sein Jahresumsatz. Da steckt sehr, sehr viel Fantasie drin.

Das heißt, das entbehrt jeglicher Grundlage?

Musk ist ein Showman und seine Ausflüge ins Politische muss man nicht mögen. Als Unternehmer darf man ihn aber nicht unterschätzen. In den 1990ern gab es schon mal den Versuch, ein weltumspannendes privates Satellitensystem aufzubauen. Der ist aber gescheitert. Musk hat das mit Starlink geschafft. Mit Tesla hat er außerdem die Autobranche komplett umgekrempelt und mit Paypal das Zahlungssystem. Eine Firma von Musk ist also schon eine gewisse Prämie wert. Aber ob die so hoch sein muss? Das kann man bezweifeln. SpaceX ist für Musk ja auch eine bunte Resterampe.

Eine Resterampe?

Ja. In den Mantel der Raketenfirma hat er X mit reingepackt, das ehemalige Twitter. Auch der KI-Chatbot Grok ist dort angegliedert. X und Grok laufen nicht besonders gut. Das sind Firmen, die er sonst wohl nicht loswerden würde.

Kaufen Sie die Aktie von SpaceX für Ihre Fonds?

Da will ich die Karten nicht auf den Tisch legen. Die Chance, dass die Aktie am ersten Tag steigt, ist meiner Meinung nach aber ziemlich groß.

Weshalb?

Die Banken, die den Börsengang von SpaceX begleiten, haben ein riesiges Interesse daran, dass er ein Erfolg wird. Er ist „too big to fail“ – zu groß zum Scheitern. Floppt er, können sich alle Beteiligten auch die zeitnah geplanten Börsengänge der KI-Konzerne OpenAI und Anthropic in die Haare schmieren. Ähnlich war es auch beim Börsengang von Meta im Jahr 2012. Damals schossen die beteiligten Banken viel Geld in die Aktie, um sie über dem Ausgabepreis zu halten. Nach einigen Tagen ging ihnen das Pulver aus, dann stürzte der Kurs um über 50 Prozent ab. Es würde mich nicht wundern, wenn es auch bei SpaceX so kommt.

OpenAI und Anthropic gelten als die beiden Vorreiter schlechthin für Künstliche Intelligenz (KI). Ist es Zufall, dass alle drei Firmen fast zeitgleich ihren Börsengang planen? Wieso drängen sie genau jetzt auf das Parkett?

Weil sie das Gefühl haben, jetzt am meisten Geld erzielen zu können. An der Börse wird die Zukunft gehandelt, und je größer der Hype um Zukunftstechnologien ist, desto besser lassen sich die Aktien verkaufen. Wer sich als Erster vorwagt, profitiert in der Regel am meisten von der Wachstumsfantasie.

Sind die Börsengänge ein Lackmustest für den Hype um KI und Raumfahrt?

Sie sind zumindest ein Realitätscheck. Wenn die gehypten Vorreiter aus diesen Branchen erst einmal an der Börse sind, müssen sie plötzlich jedes Quartal ihre Bilanzen vorlegen. Dann treten die Zukunftsfantasien etwas in den Hintergrund und nackte Zahlen spielen wieder eine Rolle. Die Firmen haben oft schwindelerregende Wachstumsraten. Sie schreiben aber gleichzeitig riesige Verluste. Das kann zu einer gewissen Ernüchterung führen.

Erinnert Sie die jetzige Situation an die Dotcom-Blase, die im Jahr 2000 mit einem lauten Knall geplatzt ist?

Etwas mehr Realismus würde dem Markt heute jedenfalls nicht schaden. Aber man muss das langfristig sehen: Die Dotcom-Blase mag damals geplatzt sein. Das Internet ist aber Wirklichkeit geworden und es hat unser Leben radikal verändert. An der Börse dominieren heute Firmen wie Amazon, Alphabet, Apple oder Microsoft, die damals ihren großen Durchbruch hatten. Bei Raumfahrt und KI könnte es ganz ähnlich verlaufen. Da stecken reale und lukrative Geschäftsmodelle dahinter, die unsere Zukunft neu formen werden. Ob es aber genau SpaceX, OpenAI oder Anthropic sind, die am Ende am meisten davon profitieren werden, das muss sich erst zeigen.

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